Lokal

Ehrenfelds neue grüne Linie

Der Low Line Linear Park soll Stadtteile verbinden und das Gärtnern in die Stadt bringen

Hinten an der alten Wand steht die Himbeerhecke. Davor, mal ordentlich, mal durcheinander, wachsen Möhren, Salat, Zucchini und Kartoffeln. Alte Sorten, die man auf dem Markt so nicht bekommt. Ausgesucht und gepflegt von Nachbarn und Anwohnern – von den Alten und Jungen, von Familien mit Kindern.

Und das alles nicht auf dem Land oder in einem Garten – sondern mitten in Ehrenfeld, mitten in der Stadt. Als Teil des so genannten Low Line
Linear Park
in Ehrenfeld. Der Rad- und Fußweg soll beim Heliosgelände und im Neubaugebiet am Grünen Weg starten, auf einer neuen Fußgänger- und Radfahrbrücke die Weinsbergstraße kreuzen und über die alte Bahntrasse bis hin zur Aachener Straße in Braunsfeld geführt werden. Von dort wäre es dann nur noch ein kleiner Sprung in den Stadtwald.

Entwickelt wurde die Idee vom Low Line Linear Park in einer Reihe von Workshops – initiiert und betreut von Sabine Voggenreiter und dem Design Quartier Ehrenfeld (DQE). Mehrere Jahre über haben sie sich mit den Themen Mobilität und urbane Agrikultur beschäftigt – und sind dabei auf die alte Bahntrasse gestoßen. In einem Bereich von Ehrenfeld, der mitten im Wandel steckt. Auf alten Fabrikbrachen entstehen neue Wohngebiete – nebenan sind Autovermietungen und Baumärkte, oft fehlt die Anbindung an eine Einkaufsstraße, an ein lokales Zentrum oder an Grünflächen.

Lust auf autofreie Räume

Die Vorbilder – global und lokal

Der Low Line Linear Park soll diese Anbindung schaffen – für die neuen Anwohner, für Mitarbeiter in den bereits ansässigen Firmen, aber auch für Alt-Ehrenfelder, die schneller in den Stadtwald wollen.

Das Projekt wurde zwar hier in Ehrenfeld entwickelt – aber greift zurück auf bekannte Vorbilder. So führt der High Line Park, ebenfalls auf einer alten Bahntrasse einmal quer durch Manhattan. Bewohner und Besucher New Yorks machen hier eine kurze Pause oder nehmen eine Abkürzung – weit über dem Verkehr und der Hektik der Straße.

Auch für das öffentliche Gärtnern gibt es Vorbilder. Berühmt sind die Prinzessinnengärten in Berlin – hier wird auf einer Brache gegärtnert. Auch kleine Städte setzen Impulse: Im beschaulichen Andernach, der „Essbaren Stadt“, können die Bürger in Grünanlagen und Parks frisches Gemüse ernten. Ein Beispiel, das Besucher aus aller Welt anzieht.

In Ehrenfeld genau hinsehen

Neben den globalen Vorbildern nimmt die Idee aber auch Trends aus Ehrenfeld selbst auf. Zum einen, was neue Formen der Mobilität, zum anderen, was das Urban Gardening angeht. In keinem Stadtbezirk fahren mehr Menschen mit dem Fahrrad, viele der Einbahnstraßen sind frei gegeben und am Tag des guten Lebens am 15. September 2013 war das Zentrum des Stadtteils sogar komplett autofrei. Eine Erfahrung, die vielen Anwohnern Lust auf autofreie Räume gemacht hat. Der Low Line Linear Park wäre so ein Raum – allerdings das ganze Jahr über.

Auch urbanes Gärtnern gibt es in Ehrenfeld. So hat das DQE am Grünen Weg zwei Jahre lang einen Gemeinschaftsgarten betreut, der mittlerweile allerdings einer Baustelle gewichen ist. Als „Gartenbahnhof“ hat er einen neuen Platz auf dem alten Güterbahnhofgelände gefunden, direkt neben der Halle von Jack in the Box. Der Garten wird betrieben von der Gartenwerkstadt Ehrenfeld e.V., die weitere Gärtnerprojekte im Viertel anstoßen möchte, und vor dem gerade eröffneten Kölner Künstler Theater am Grünen Weg schon die ersten Pflanzkisten installiert hat. Aber auch vor dem alten Hochbunker in der Körnerstraße, in Biergärten wie dem am Bahnhof Ehrenfeld oder direkt vor der eigenen Haustür oder in den Baumscheiben am Straßenrand wird gegärtnert.

Auf dem Baugelände der GAG am Grünen Weg stehen dagegen weiterhin die Obstbäume und Kräuter des ersten urbanen Gemeinschaftsgartens in Ehrenfeld. Sie sollen später zwischen den Häusern zu einem lebendigen Obsthain gepflanzt werden, in dem die neuen Bewohner vor ihrer Haustür Birnen oder Rosmarin pflücken können.

Eine Vision wird Realität

Der Low Line Linear Park würde also perfekt nach Ehrenfeld passen! Das DQE hat mit seinen Planungen mittlerweile auch den Klimakreis Köln als Geldgeber überzeugt, der das Vorhaben zur Hälfte finanzieren will. Der Rest soll von verschiedenen städtischen Behörden kommen, die bereits ebenfalls Unterstützung für das Projekt signalisiert haben. Denn die Politik hatte bereits vor zehn Jahren einen Fahrradweg auf der alten Bahnstrecke beschlossen – mit der unabhängigen Initiative des DQE könnte dieser Plan endlich realisiert werden.

Wenn der Low Line Linear Park dann kommt, ist für alle etwas dabei: Platz für Skater, Fahrradfahrer und Spaziergänger, Raum für das Gärtnern am Rand und Begegnungsstellen für alle Ehrenfelder und ihre Gäste. Nicht nach einem fixen Plan, sondern Stück für Stück gemeinsam entwickelt. Und am Ende mit frischen Himbeeren und der Möglichkeit, sich selbst die Hände dreckig zu machen. Ein echtes Stück Ehrenfeld.

  • Text: Martin Herrndorf
  • Foto: Volker Kraus