Im Interview

Von Möbeln und Menschen

Der Wohnkünstler Erik Sandoval Pickert im Interview

Erik Sandoval Pickert hat schon als Kind gerne gebaut, gewerkelt und gestaltet. Als dann mit der ersten Wohnung die ersten Möbel angeschafft wurden, hat er diese nicht neu gekauft, sondern auf dem Flohmarkt und dem Sperrmüll zusammengesucht. In bester Do-it-yourself-Manier haucht Erik den Secondhand-Möbeln neues Leben ein oder baut seine Möbel gleich komplett selbst.

Wir waren gespannt, mehr über diese Wohnkultur zu erfahren, die einen Gegenentwurf zum Wegwerftrend bildet und haben Erik zuhause besucht. Seine kreativ eingerichtete, gemütliche Wohnung im Herzen von Ehrenfeld beherbergt diverse Schätze aus vergangenen Epochen und erzählt ihre ganz eigene Möbelgeschichte. Aber auch der Besitzer dieser geschichtsträchtigen Möbel hatte uns viel Interessantes zu erzählen.

Was bedeutet es für Dich, nachhaltig zu wohnen? Was sind Deine Beweggründe dafür?

Ich gehe nicht in den Secondhand-Laden oder suche mir etwas vom Sperrmüll, weil ich denke, ich muss jetzt etwas machen, was der Umwelt dient. Es ist eher der praktische Nutzen: Als Student hat man eben nicht viel Geld. Außerdem war Massenware noch nie mein Ding und passt auch gar nicht zu mir. Ich mag die Schatzsuche. Man baut sich seine Wohnung aus Artefakten verschiedener Epochen zusammen. Für mich ist die Wohnung Ausdruck der Persönlichkeit. Immer wenn mir etwas Neues gefällt, dann tausche ich es aus. Da sich meine Vorlieben ständig verändern, ist es viel günstiger, Möbel gebraucht zu kaufen. Es macht mir auch viel mehr Spaß, mir die Möbel zusammenzusuchen. Die Sachen von damals haben auch eine bessere Qualität.

ICH MAG DIE SCHATZSUCHE

Mein Sessel hier zum Beispiel wird mich wahrscheinlich überleben. Außerdem sind die Objekte mit Geschichten aufgeladen. Das haben die Sachen aus dem Kaufhaus noch nicht, und wenn sie nach zwei Umzügen schon wieder weggeschmissen werden, dann werden sie die Geschichten auch nie vollenden.

Da Du an der ecosign studierst, liegt die Frage nahe, inwiefern Deine Vorliebe für Gegenstände mit Geschichte Deine Entscheidung für ein Studium eben dort beeinflusst hat.

Ich habe mich nie als Weltverbesserer gesehen und tue das auch jetzt nicht. Das ist für mich einfach ein Ort, an dem ich das Gefühl habe, dass meine Ideen wertgeschätzt werden. An der ecosign werden Inhalte gelehrt und Ideen entwickelt, welche den Sinn und Nutzen von Dingen in Frage stellen. Dort kann ich mich ausleben. Es ist eine Möglichkeit, dem, was ich sowieso schon die ganze Zeit gemacht habe, mehr Sinn und Form zu geben. Es hat somit ein Ziel und ich bastle nicht nur für mich selbst herum, sondern kann auch für andere Menschen Produkte entwickeln und gestalten. Das war und ist meine persönliche Motivation.

Warum ist es für Dich wichtig, möglichst Secondhand zu kaufen oder selber etwas zu bauen? Wie bist Du auf die Idee gekommen?

Ich mochte das schon als Kind. Wir haben von Bekannten und Freunden gebrauchte Kleidung bekommen, aus denen wir uns die schönsten Sachen rausgepickt, behalten und getragen haben. Das war für uns als Kinder total normal. Selbst später als ich mir neue Sachen hätte leisten können, war es mir das Geld nicht wert. Da ich als Kind schon immer etwas anderes getragen habe, hat sich das so weiter entwickelt, dass ich nichts von der Stange tragen wollte. Vom Urlaub bei meiner Oma habe ich Sachen mitgenommen, die dort im Schrank hingen. Jetzt habe ich dadurch ein Teil aus den Siebziger Jahren. Es ist schön und lebt somit weiter.

Woher bekommst Du Deine Möbel und sonstigen Gebrauchsgegenstände?

Ich gehe sehr viel auf Flohmärkte, und in Köln und Umgebung habe ich bereits viel auf dem Sperrmüll gefunden. Es ist nicht immer etwas dabei, es ist wie eine kleine Schatzsuche. Ich finde teilweise auch Design-Klassiker. Die Regale in meiner Küche sind String-Regale aus den Fünfzigern. Die sind auf dem Müll gelandet. Die Leute schmeißen zum Teil wertvolle Sachen weg, weil sie keine Ahnung haben, was sie da eigentlich besitzen. Schön für mich, denn ich könnte mir diese Sachen neu nicht leisten.

Massenware war noch nie mein Ding

Ich bin in Sozialkaufhäusern unterwegs, im SSK oder BFO. Das ist eine richtige Leidenschaft von mir. Da kaufe ich eigentlich alles, was ich benötige, vom kleinen Löffel, über Kleidung, Möbel bis zum Fahrrad. Ich schaue auch bei den Online Marktplätzen nach, wenn ich etwas brauche, denn da ist der Fundus größer. Ich halte immer die Augen auf. Und wenn mal etwas nicht aufs Fahrrad passt, bekommt man mit den kleinen Möbeltransporten innerhalb von Köln eine Menge bewegt. Die Sozialkaufhäuser liefern auch für kleines Geld, ich glaube, sogar über Köln hinaus.

Du hast Dir über die Jahre das Know-how angeeignet, wie man Möbel umbaut. Ist das nur etwas für handwerklich geschickte Leute oder kann das jeder lernen?

Ich würde behaupten, dass viele Handgriffe von den Allermeisten auch selbst ausgeführt werden können. Vielleicht gibt es eine Scheu davor, Dinge selbst zu bauen, vielleicht aus der Befürchtung heraus, es nicht gut genug zu machen. Stattdessen rufen sie jemanden an, der sich damit auskennt, einen Handwerker oder Klempner zum Beispiel. Da fehlt oft der Mut, es selber auszuprobieren, auch in meinem Bekannten- und Freundeskreis. Man muss aber auch nicht alles komplett selbst machen. Wir haben neulich zusammen mit einer Freundin ein Hochbett gebaut, das ging einfach und schnell. Wir haben die Maße festgelegt, sind in den Baumarkt gefahren, und in zwei Stunden stand das Bett wie eine Eins – und es hat nur 80 Euro gekostet. Ich probiere gerne aus. Aber es gibt natürlich ein paar Sachen, die müssen immer stimmen: Der Winkel muss zum Beispiel mit einer bestimmten Anzahl von Schrauben befestigt sein, sonst hält er nicht. Das zeigt einem die Erfahrung. Es gibt hier in Ehrenfeld auch Jack in the Box oder die Dingfabrik in Deutz, die einem bei solchen Projekten mit Rat und Tat zur Seite stehen beziehungsweise einem dafür den Platz zur Verfügung stellen, den man selbst zuhause eventuell nicht hat.

Du kennst wahrscheinlich auch Van Bo Le-Mentzel, der auf seiner Homepage Baupläne für seine sogenannten Hartz IV-Möbel kostenlos zur Verfügung stellt.* Er sagt, jeder kann sich Möbel selbst bauen. Wie siehst Du das?

Das denke ich auch, vor allem mit den Anleitungen, die er online zur Verfügung stellt. Do it yourself ist super, um sich selbst zu zeigen, dass man das auch alleine kann. Es fängt bei Reparaturen schon an. Wenn man bei einem alten Stuhl das Polster neu macht, kann man da eigenen Pfiff mit reinbringen, indem man einen alten Vorhang nimmt und damit das Sesselpolster noch aufhübscht. Ein Möbelstück selber zu bauen, ist schon wieder eine ganz andere Hürde, die man nimmt. Wenn man mit kleinen Reparaturarbeiten anfängt, wird die Hemmschwelle mit der Zeit immer geringer, zum Beispiel sein Bett selber zu bauen. Im Baumarkt bekommt man alles, was man braucht. Es ist praktisch, ins Möbelhaus zu gehen, sich ein Bett zu kaufen und das dann innerhalb von zwei Stunden aufzubauen. Aber wenn man sich im Baumarkt das benötigte Material auf Maß vorsägen lässt, braucht man wahrscheinlich ungefähr die gleiche Zeit und hat etwas Eigenes. Ich finde, dass das auch kein Männerding ist, da sind Frauen genauso angesprochen.

Was gehört für Dich darüber hinaus zum nachhaltigen Wohnen dazu?

In erster Linie geht es mir darum bewusster zu konsumieren. Wasser spare ich, um den Verbrauch zu minimieren. Wenn man wie ich als Student nicht so viel Geld hat, kann man gut ein paar Euro sparen, wenn man beim Zähneputzen das Wasser ausmacht. Denn: Warum soll ich für etwas bezahlen, was ich gar nicht verbrauche? Außerdem habe ich mir einen A++ Kühlschrank gekauft und es direkt bei der Jahresabrechnung gemerkt. Dabei hatte ich mir gleichzeitig noch eine energieeffiziente Waschmaschine zugelegt. Die Geräte waren übrigens nicht teuer. Außerdem beziehe ich Ökostrom. Bei der Mülltrennung war mein Vater immer sehr penibel, das haben wir als Kinder schon gelernt. Aber mir hat das Spaß gemacht. Für mich ist das selbstverständlich. Es fehlt oft das Bewusstsein dafür, dass das kein Müll, sondern Ressourcen sind, die man wiederverwerten kann. Es geht nichts verloren, alles ist und bleibt im Kreislauf. Das ist das Erstaunliche an der Natur, dort gibt es keine Verschwendung.

Wir danken Erik für das Gespräch und die interessanten Einblicke in seine Wohnwelt.

  • Text: Monika Hogrefe