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Anders wohnen mit Rachel

Unabhängig, günstig, ökologisch – der Ehrenfelder Lars Lange sucht mit dem Wettbewerb „Rachel“ nach dem Haus der Zukunft

Das erste Haus der Zukunft steht heute in Bern. Morgen in Zürich. Und übermorgen in irgendeiner anderen europäischen Stadt. Es ist modular, mobil und unabhängig vom Stromnetz oder Wasseranschluss. Als Vorhut für ein neues Bauen und Wohnen, in unseren Städten – weltweit.

Das Haus geht zurück auf eine Idee von Lars Lange aus Ehrenfeld. Er findet, dass wir radikal anders wohnen sollten: unabhängig von Stromnetzen und großen Firmen, in kleinen Einheiten und doch miteinander verbunden. Während die Mieten und Nebenkosten in den Städten steigen, gerade auch in Ehrenfeld, zeigt er Alternativen auf.
Denn obwohl das Wohnen einen großen Teil unserer CO2-Emission und unserer Lebensqualität ausmacht, können wir hier nur wenige Entscheidungen treffen. Auch wer Bio-Lebensmittel kauft und viel mit dem Rad fährt, hat als Mieter kaum Möglichkeiten, sein Wohnumfeld mitzugestalten – schon die Solaranlage auf dem Dach scheitert oft am mangelnden Interesse des Vermieters. Und auch auf die Politik möchte Lars Lange nicht warten, sondern im Kleinen etwas bewegen. Er will es Menschen ermöglichen, Verantwortung zu übernehmen und ihr Leben selber zu gestalten.

Lars Lange hat daher unter dem Namen Rachel einen Wettbewerb ausgeschrieben – benannt nach der US-amerikanischen Umweltaktivistin Rachel Carson. Er sucht nach modularen und flexiblen Wohneinheiten, die billiger als 25.000 Euro sind, außerdem autark von Versorgungsnetzen funktionieren und deren Pläne öffentlich verfügbar sind und frei genutzt werden können. Um eine fachkundige Jury zu stellen, hat er alle Architektur-Professoren Deutschlands angeschrieben – insgesamt 1.300 Kontakte. Etwa 30 haben sich zurückgemeldet. Einige von ihnen bilden jetzt die Jury, zusammen mit Architekten aus Köln, Journalisten und Vertretern nachhaltig wirtschaftender Firmen.
Die Ergebnisse der ersten Runde sind inspirierend. Frei kombinierbare und stapelbare Wohn-Waben hat sich zum Beispiel Max Thulé ausgedacht. Und der Entwurf des Gewinners, Huldrich Hug aus Sevelen bei Liechtenstein, steht schon – im beschaulichen Bern. Im Lorraine-Quartier, einem alternativen Stadtviertel, sollten Luxuswohnungen entstehen. Aus dem Protest heraus haben sich die Anwohner mit alternativen Wohnformen auseinandergesetzt – und sind auf den Entwurf gestoßen. Mit dem Preisgeld und einer Spendenkampagne haben sie das Material zusammengesammelt und direkt einen Prototypen gebaut, der jetzt auf Reisen geht.
In der zweiten Runde geht es darum, wie sich die Wohnmodule kombinieren, vernetzen und stapeln lassen, für neue Modelle des Teilens und Zusammenlebens. Zu einer autonomen Wohneinheit soll eine geteilte Küche, ein Bad und mehrere Gemeinschaftsräume kommen. Der einzelne Mensch braucht dadurch weniger Platz – und kann doch mehr Fläche nutzen. Auch für Familien oder alternative Lebensformen hat die modulare Bauweise Vorteile: Für Kinder kann flexibel angebaut werden und Lebensgemeinschaften können sich frei zusammenschließen.

Für neue Modelle des Teilens und Zusammenlebens

Der Weg zu Rachel war für Lange kein direkter. Sein Philosophiestudium hat er nach zwölf Semestern abgebrochen. Vor Rachel hat Lange Ökostrom vertrieben. Auch hier war er Überzeugungstäter: saubere Energie von einer Genossenschaft, frei von Atom- und Kohlestrom, mit Investitionen in Neuanlagen. So ein Produkt kam gut an nach Fukushima.
Aber er wollte mehr. Auch für Windräder wird Stahl geschmolzen und transportiert, werden seltene Erden rund um den Globus geschifft. Da fand er konsequentes Energiesparen sinnvoller: „Wir haben 27% Anteil erneuerbare Energie im Netz. Wenn wir unseren Energieverbrauch vierteln, haben wir damit die Energiewende bereits geschafft!“
Die Idee zum Wettbewerb kam ihm dann über die Diplomarbeit eines Freundes. Zusammen mit Jack in the Box e.V., dem Verein für Beschäfti-gungsförderung auf dem alten Güterbahnhof, hat er den Wettbewerb in Eigenregie und mit viel Engagement ans Laufen gebracht. Für ihn hat sich die Arbeit gelohnt: Er betreut mehrere Kurse, in denen Studenten selber autonome, nachhaltige Wohneinheiten entwickeln; arbeitet dort mit jungen, kreativen Köpfen. Und demnächst soll er sogar bei einem Drittmittelprojekt an der FH Mainz Forschungsmitarbeiter werden. Auch ohne Hochschulabschluss.
Gerne möchte er sein Projekt im Kölner Norden umsetzen – in Blumberg bei Chorweiler, auf einem freien Feld neben der S-Bahn-Station. Statt langweiliger Hochhäuser möchte er die FavelaC aus flexiblen, autonomen Einheiten bauen – als Demonstrations- und Versuchsprojekt.
Dann kommt auch wieder nach Köln zurück, was hier als Idee angefangen hat: eine neue Wohnkultur. Autark, günstig und schön.

  • Text: Martin Herrndorf
  • Foto: Lars Lange