Im Interview

Immer schön bunt bleiben

Marcus Krips im Interview

Eine Oase geht verloren: Die Kolbhalle ist ein einzigartiger, fast schon verwunschener Kunstort mitten in Ehrenfeld. Seit 1989 leben und arbeiten dort Künstler*innen.

Nun soll das Areal nach langem Hin und Her an einen privaten Investor verkauft werden. Zum Glück wurde eine bezahlbare Lösung gefunden, die Künstler-Ateliers und -Wohnräume an anderer Stelle auf dem Gelände anzusiedeln. Künstler Marcus Krips vom Verein Wir Selbst e.V. ist Teil der Verhandlungen um die Zukunft der Kolbhalle – und hofft auf einen schöpferischen Neuanfang.

Bevor wir über die Zukunft der Kolbhalle sprechen, möchte ich gerne etwas über deine Vergangenheit erfahren. Wie bist du hier gelandet?

Ich bin 2000 hier in die Kolbhalle gekommen. Da gab’s das Gelände schon zehn Jahre. Der Mietvertrag mit der Stadt Köln ist damals ausgelaufen. Deswegen sind fast alle weg, nur ein paar Leute haben das Gelände gehalten. Ich habe dann erst mal nur nachgefragt, ob ich ein Atelier haben kann. Später, 2010, habe ich mir dann gedacht: Ich bau mir Küche, Diele, Bad, und bin hier eingezogen.

Du hast die Kolbhalle, wie die Ehrenfelder sie heute kennen, also ein stückweit mitaufgebaut.

Die Kolbhalle war auf jeden Fall immer schon ein außergewöhnlicher Ort. Das habe ich eigentlich nur ausgenutzt. Ich habe im Prinzip dafür gesorgt, dass sich das Ganze in Richtung Kunst- und Kulturschiene entwickelt. Letzten Endes hat das wahrscheinlich die Kolbhalle ein bisschen dahin gebracht, wo sie jetzt ist: Nun haben wir das Angebot bekommen, drüben ein Kulturzentrum aufzubauen. Das kommt ja nicht nur, weil wir hier einfach gewohnt haben, sondern vor allem deshalb, weil wir Ausstellungen und Konzerte organisiert haben.

Das Thema dieser Ausgabe ist ja „Wandel“. Was bedeutet Wandel für dich und deine Kunst?

Für mich als Künstler ist Wandel erst mal was Positives. Vielleicht ist es für Künstler einfacher, damit klar zu kommen. Weil sie ja selbst mit Wandel arbeiten und sich vielleicht auch bewusster mit Dingen auseinandersetzen. Aber es kann sich natürlich auch alles schlecht wandeln. Gerade als Künstler in Ehrenfeld – oder auch einfach nur als Bewohner – kriegt man zurzeit einen negativen Wandel mit. An dem Thema war ich mit meinem Projekt Eine Art Haus ganz nah dran.

Das Projekt hast du gemeinsam mit deiner Freundin Esther Kusche im letzten Sommer initiiert: ein Haus, das vor seinem Abriss von Künstler*innen aller Couleur besetzt und bespielt wurde. Ihr habt damit vor allem auch ein Zeichen gegen die Gentrifizierung gesetzt.

Esther hat da einige Jahre gewohnt. Sie hatte vor, das Haus zusammen mit Freunden zu kaufen. Sie hätte es nicht abgerissen, sondern umgebaut. Aber die Gentrifizierung kam dazwischen.

Chaos ist der Nährboden der Kreativität

Wir konnten die neuen Besitzer allerdings davon überzeugen, dass wir in dem alten Haus noch das Projekt durchziehen können. Als Künstler muss man mit der Gentrifizierung und dem Wandel leben und beides geschickt zu nutzen wissen. Letztendlich kann man sagen: Das Einzige, was sich wirklich nicht verändert auf der Welt, ist, dass es sich immer alles verändern wird.

Wie waren die Reaktionen auf das Projekt?

Stadtverwaltung und Politik waren hellauf begeistert. Eigentlich hat ganz Ehrenfeld das Haus gefeiert, und darüber hinaus. Das hat durchaus Wellen geschlagen. Es war ein Erlebnis, da durchzumarschieren und sich alles anzugucken: dieser stetige Wandel, immer neue Ausstellungen!

Zurzeit bist du mit einem ganz anderen Projekt befasst, das ebenfalls mit der Gentrifizierung in Ehrenfeld zusammenhängt: das zukünftige Kulturzentrum auf dem Kolbhallen-Gelände. Was ändert sich durch den Umzug für Euch?

Die Kolbhalle, wie sie jetzt ist und 27 Jahre lang war, wird so nicht mehr existieren. Sie wird aufgesplittet: Es wird einen Wagenplatz und ein Atelierhaus bzw. Kulturzentrum geben. Dadurch wird viel Energie verlorengehen. Es liegt aber auch ein bisschen an uns und daran, was wir wollen. Wir müssen mehr Künstler reinholen und uns über Ateliervermietung, Wohnraumvermietung, das Café und die Ausstellungshalle bzw. den Kulturbetrieb finanzieren. Wir wollen weg von diesem Partyding und mehr in Richtung Kultur. Nicht nur, weil das als Zeichen für Investoren und die Stadt Köln gut ist, sondern auch, weil wir darüber hinausgewachsen sind.

Ein gutes Stichwort. Die größte Angst eurer neuen Nachbarn ist die vor Partylärm …

Deshalb planen wir einen schallgeschützten Raum! Keinen Konzertsaal oder so, sondern einen Raum für Jam-Sessions, Theaterstücke usw. Dieser Raum bildet quasi das Herz der neuen Kolbhalle: Er wird von unseren Ateliers und Wohnungen umrundet, sodass wir selbst die Ersten sind, die gestört werden. Dazu gehört auch der Vergleich mit den Nachbarn, den wir geschlossen haben und der besagt, dass wir nachts keinen Lärm machen. Über dem Raum soll dann die Ausstellungshalle entstehen. Vielleicht mit ein bisschen saubereren und vor allem funktionierenden Klos als jetzt … (lacht)

Siehst du noch mehr Positives in dem Umzug?

Das Projekt, was sich hier entwickelt, bietet eine Zukunft für uns als Atelierbenutzer und Künstler. Nach 27 Jahren und zwei versuchten Räumungen ist man darüber natürlich ganz froh. Es wird ein bisschen erwachsener. Es wird auch nicht mehr diesen allzu offenen Charakter haben. Im Moment ist es so, dass viele hier einfach reinkommen und sich’s gemütlich machen mit einem Kasten Bier. Die ewige Auseinandersetzung mit diesen Leuten geht mir ziemlich auf den Keks. Wir wollen Kunstpublikum ziehen, aber stattdessen sitzen hier vielleicht dreißig Kiffer. (lacht)

Also weniger Punk und Anarchie, mehr Kunst und Kultur?

Wir müssen ja nicht alles grau malen! Wir können ja bunt bleiben und Punk bleiben – aber eben vor 10 Uhr abends. Dass alles tagsüber stattfindet, heißt nicht, dass es schlechter ist. Wir nehmen ja auch den Auftrag der politischen Weiterbildung wahr. Das heißt, Anarchisten halten hier Vorträge, und das wollen wir auch weiterführen. Nur weil sich der Platz ändert, heißt das ja noch nicht, dass ich mich ändere.

Nur weil sich der Platz ändert, muss ich mich ja nicht ändern

Der Kontrast wird trotzdem krass sein: vom gewachsenen Chaos ins Neue, Glatte und Strukturierte. Kannst du als Künstler solchen Räumen dennoch etwas abgewinnen?

Chaos ist der Nährboden der Kreativität. Wenn das wegfällt, müssen wir mit dem arbeiten, was wir haben. Das wird alles ein bisschen zivilisierter, aber eben auch sicherer. Bis jetzt war die Situation immer so, dass ich nicht wusste, was nächstes Jahr ist: Flieg ich raus und muss mir ein neues Atelier suchen? Oder fliegen wir alle raus? Du wirst eine Atelierwand wahrscheinlich anders gestalten wenn du weißt: Das ist jetzt für ewig, das muss ich mir die nächsten 10 Jahre angucken. Da kann man vieles schön und aufwendig ausbauen, mit Skulpturen und Mosaiken zum Beispiel.

Was wünschst du dir für Ehrenfeld in den nächsten 10 Jahren?

Mehr Bäume, mehr Fahrräder, weniger Autos. Aber ob das passiert? Keine Ahnung. Als alter Punker wundere ich mich fast ein bisschen, dass wir noch alle leben. (lacht) In meiner Jugend dachte ich: „No Future“, in 10 Jahren ist eh alles vorbei. Und jetzt, 30 Jahre später, leben wir immer noch. Das Leben hat mich irgendwie eines Besseren belehrt: Wandel ist nicht unbedingt negativ. Wenn zum Beispiel in der Körnerstraße ein Laden aufmacht, in dem sie auf Verpackungen verzichten. In die gute Richtung geht es eben auch weiter.

Wir bedanken uns bei Marcus Krips für dieses Interview und freuen uns, dass er Ehrenfeld als Künstler, Ideengeber und Macher erhalten bleibt. Wir sind gespannt auf die „neue“ Kolbhalle und alles, was dort entsteht!