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Dornröschen von Ehrenfeld

Eine Bürgerinitiative küsst die Bezirkssportanlage in Ehrenfeld wach

Im Schatten von Colonius und Moschee, am Rande von Ehrenfeld, liegt die Bezirkssportanlage Prälat Ludwig Wolker im Dornröschenschlaf. Sie wird überwiegend für Vereinssport genutzt und hat doch Potenzial für viel mehr: Wie lässt sich die Anlage so wandeln, dass zusätzlicher Sportraum für die Öffentlichkeit entsteht und das für Ehrenfeld so wichtige Grün erhalten bleibt?

Vor zwei Jahren werden ehrgeizige Umbaupläne des Ehrenfelder Fußballvereins DSK Köln bekannt. Die von ihm bespielten Ascheplätze der Bezirkssportanlage sollen nach Absprache mit dem Sportamt der Stadt Köln einen Kunstrasenbelag erhalten, einer zu einem Kleinspielfeld umgewandelt werden. Darüber hinaus will der Verein in Eigenleistung für seine Mannschaft ein Vereinsheim mit Umkleiden, Turnhalle und Gastronomiebereich sowie eine Tribüne errichten. Rund 200 Parkplätze müssten infolgedessen auf der Anlage eingerichtet werden, so wollen es die Baurichtlinien.

Als der Ehrenfelder Rainer Kiel von den Plänen erfährt, stutzt er: den Planungsskizzen nach müsste eine ganze Reihe von alten, hochgewachsenen Bäumen einer Allee gefällt werden, die sich seit über 90 Jahren über das gesamte Areal erstreckt. Und das mitten in Ehrenfeld, einem der am dichtesten bebauten Veedel Kölns? „Da brauchen wir eine Bürgerinitiative“, beschließt er und gründet mit Anwohnerinnen, Anwohnern und Gleichgesinnten innergrünEHRENFELD.

Bei den Recherchen der Anwohnerinitiative stellt sich bald heraus: Die Sportanlage steht seit 1980 unter Denkmalschutz. Sie ist Bestandteil des denkmalgeschützten Inneren Grüngürtels und wurde zwischen 1919 und 1924 von Kölner Stadtbaumeister Fritz Schumacher und Gartendirektor Fritz Encke geplant und umgesetzt. Sie ist allerdings nicht mehr vollständig erhalten – ein quer liegendes vor Jahren nachträglich angelegtes Sportfeld macht die Baumallee zu einer Sackgasse. Und der Zusammenhang mit dem Inneren Grüngürtel ist nicht mehr ersichtlich, seit die Sportanlage durch die Errichtung des Fernsehturms und den Ausbau der Inneren Kanalstraße in den späten 70er Jahren vom Grüngürtel abgeschnitten ist.

Die Akteure von innergrünEHRENFELD machen sich daran, mit einer Kombination aus Vereinssport und öffentlicher Nutzung, neuen Wegen und Betonung der Grünfunktion für den hochverdichteten Stadtteil Ehrenfeld einen Gegenvorschlag zum geplanten Um- und Ausbau zu erarbeiten und in Politik, Verwaltung und Nachbarschaft für seine Akzeptanz zu trommeln. „Wir haben jede Gelegenheit genutzt, uns zu vernetzen und Öffentlichkeit herzustellen“, erzählt Rainer Kiel, seit ihrer Gründung einer der Sprecher der Bürgerinitiative. Im zurückliegenden Bürgerhaushalt 2016/17 bekam die Initiative für Ihre Vorschläge mit großem Abstand die meisten Stimmen.

Die Strategie geht auf: Der Denkmalschutz spricht mit dem Sportamt, die Politik mit dem Verein. Es kommt zu einem Ortstermin der Sportverwaltung mit dem Fußallverein in der Bezirkssportanlage. Kurz danach im Februar 2017 zieht der DSK Köln seine Pläne zurück.

Ein Teilerfolg für die Bürgerinitiative, aber noch liegt das aus ihrer Sicht ungenutzte Potenzial der Sportanlage brach. Was genau beinhalten also die Vorschläge, die ihnen im Bürgerhaushalt so viel Zustimmung brachten?

innergrünEHRENFELD wünscht sich für Ehrenfeld einen Bezirkssportplatz, an dem alle Menschen Sport treiben können, egal ob sie in Vereinen organisiert sind oder nicht. Mit einer durchdachten Neuordnung der bestehenden ungenutzten Flächen könnten neue attraktive Sport- und Freizeitflächen hinzugewonnen werden und damit mehr Raum für soziales Miteinander im Freien entstehen. Slackline-Poller, Bouleflächen, Tischtennisplatten, generationenübergreifende Spielmöglichkeiten – „viele Menschen ziehen eine individuelle sportliche Freizeitgestaltung dem Vereinssport vor“, sagt Rainer Kiel. Vergleichbare Orte wie der Mehrgenerationen Trimm-Parcours im Grüngürtel oder der Familienpark unter der Zoobrücke in Mülheim sind in den letzten Jahren entstanden und belegen den Wandel im Sportverhalten.

Darüber hinaus könnte ein Skaterpark für Skater, Scooter, BMX und andere Rollsportbegeisterte entstehen. Der ursprüngliche Vorschlag der Initiative Inner-Skate stammt bereits aus dem Bürgerhaushaltsverfahren 2015, für den so viele abstimmten, dass er Rang 2 unter den Ehrenfelder Vorschlägen belegte.

Die Wichtigkeit der Bezirkssportanlage geht aber über seine Funktion als Sportstätte hinaus. „Alles innerstädtische Grün besitzt wichtige ökologische Funktionen“, erklärt Initiativensprecher Kiel, und abgesehen von den Sportflächen sei die Anlage eben vor allem eines: eine grüne Lunge zur Inneren Kanalstraße. Die hohen Feinstaub- und Stickoxid-Emissionen des Autoverkehrs werden durch zahlreiche Bäume und Sträucher abgemildert. Gerade in Ehrenfeld, einem der am dichtesten bebauten Stadtteile Kölns, könne man hierauf nicht einmal ansatzweise verzichten: Nur 4,8% des Veedels sind nach Angaben der Stadt Köln noch Frei- bzw. Grünflächen, alle anderen Flächen sind bebaut mit Gebäuden oder Infrastruktur wie Straßen oder Wegen.

Sportflächen müssen neu gedacht werden, fordert deshalb innergrünEHRENFELD einen Wandel im Denken von Verwaltung und Politik, da diese Flächen in den Zeiten des kommenden Klimawandels eine weitere wichtige Bedeutung bekommen werden. Wohin zum Beispiel mit dem vielen Wasser bei häufiger zu erwartenden Starkregenereignissen? Sportparks können mit ihren unversiegelten Flächen als Wasserrückhalt dienen. Und bei Hitzeperioden? Dann trägt der Grünbewuchs zur klimatischen Verbesserung bei.

Ein Multifunktionsraumwunder? So hat man Bezirkssportanlagen im Allgemeinen noch nicht gesehen. Damit sich das ändert, wirbt innergrünEHRENFELD weiter für sein ganzheitliches Konzept und vernetzt die Entscheiderinnen und Entscheider aus Politik und Verwaltung miteinander. Initiativensprecher Rainer Kiel gibt sich vorsichtig optimistisch und hofft, dass die Umsetzung erst beginnt, „wenn alles mitgedacht ist“. Dann, so ist er überzeugt, hätte die Bezirkssportanlage das Zeug, als Leuchtturm-Projekt über Ehrenfeld hinaus wahrgenommen zu werden.

Einen der Vorschläge der Bürgerinitiative hat die Politik bereits beschlossen: In Höhe der Bezirkssportanlage wird ein Überweg für Fußgänger und Radfahrer über die Innere Kanalstraße angelegt. Damit wird eine zusätzliche attraktive Verkehrsachse geschaffen zwischen Venloer und Subbelrather Straße, so dass man von der Stammstraße durch das Grün der Bezirkssportanlage in den Inneren Grüngürtel Richtung Innenstadt radeln und die Anlage wieder als Teil des Grüngürtels erleben kann.

  • Text: Stefan Trees