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Miteinander statt Nebeneinander

Organisierte Nachbarschaftshilfe aus Österreich

Die WIR GEMEINSAM Nachbarschaftshilfe ist ein soziales Zeittauschsystem. Die Idee ist einfach: Wer anderen 1 Stunde hilft, erhält einen Zeitschein und kann damit wieder 1 Stunde Hilfe beziehen. Frei nach dem Slogan „Eine Stunde für eine Stunde“ bringt WIR GEMEINSAM hilfesuchende und hilfsbereite Menschen sowie Fähigkeiten und Bedürfnisse in der Nachbarschaft zusammen:

Immer mehr Menschen brauchen Hilfe und Unterstützung. Die Vereinsamung schreitet voran, auf dem Land wie in der Stadt. Durch die wachsende Zahl von SeniorInnen wird der Bedarf nach mobiler Hilfe zu Hause in den nächsten 15 Jahren um das Doppelte steigen. Auch die junge Generation ist vermehrt dem Druck ausgesetzt, Beruf und Familie parallel zu organisieren.

Auf der anderen Seite gibt es viele Menschen, die Zeit hätten und sich in Form freiwilliger Hilfsdienste gerne sinnvoll betätigen würden. Ein nachbarschaftliches Tauschnetzwerk mit bereits 2.000 Mitgliedern ist in Vorarlberg mit großem Erfolg im Aufbau und wird von der dortigen Landesregierung unterstützt. Dies hat sich auch in der Region Innviertel eine Gruppe engagierter Menschen zum Vorbild gemacht und das Zeittauschnetzwerk WIR GEMEINSAM ins Leben gerufen.

WIR GEMEINSAM belebt die Nachbarschaftshilfe durch moderne und gerechte Stundenabrechnung und knüpft ein Selbsthilfe-Netzwerk für Jung und Alt. Die Pensionistin Maria betreut z.B. die Kinder von Eva. Eva hilft Otto im Haushalt. Otto repariert das Rad von Peter und Dinge, die bei Maria kaputt gehen. Peter mäht bei Maria den Rasen, führt ihren Hund spazieren und hilft Otto am Computer. All die unterschiedlichen Tätigkeiten erhalten die gleiche Anerkennung. Dies drückt sich darin aus, dass nur die Dauer, nicht aber die Art der Tätigkeit maßgeblich für die Entlohnung in Stunden ist. Eine Stunde Hilfe am Computer hat dieselbe Wertschätzung wie eine Stunde Rasenmähen.

Großmutter mit Enkelkindern

Die Hilfe erfolgt immer freiwillig. Jede/r kann die Tätigkeiten einbringen, die er/sie besonders gut kann oder gerne tut, und erhält dafür Hilfe bei Aufgaben, mit denen er/sie überfordert ist - mit gutem Gewissen, da sich Geben und Nehmen die Waage halten. Dabei erkennen viele, welche besonderen Talente sie besitzen, die andere benötigen und schätzen. Ältere Menschen entdecken, dass sie noch gebraucht werden und auch im hohen Alter noch aktiv sein können.

Da nicht jede(r) eine Gegenleistung erbringen kann, darf Zeit auch gezielt an Mitglieder verschenkt werden, z.B. an Alleinerziehende und Alleinstehende sowie in Notsituationen und Krankheitsfällen. Zeitscheine können sogar an Nichtmitglieder verschenkt werden. Wichtig ist vor Allem eins: dass der Kreislauf des Helfens ins Fließen kommt, damit mehr Menschen füreinander da sind.

WIR GEMEINSAM ist ein gemeinnütziger Verein, der 2008 im Innviertel gestartet ist und derzeit in 21 Regionen Oberösterreichs und Niederbayerns mit über 1.600 Mitgliedern aktiv ist. Weitere Gruppen befinden sich im Aufbau. In den nächsten Jahren soll ein großräumiges Netzwerk in Österreich und Bayern entstehen.

Das Konzept wurde in einjähriger Arbeit unter Beteiligung des Sozialhilfeverbands Schärding entwickelt. WIR GEMEINSAM wird von über 70 Politikern und Menschen des öffentlichen Lebens unterstützt, darunter von den Bezirkshauptleuten Ried, Schärding und Kirchdorf, Bürgermeistern, Nationalrats-, Bundesrats- und Landtagsabgeordneten. „Der Austausch von Zeit wie bei WIR GEMEINSAM fördert soziales Engagement und Eigeninitiative der Menschen. Ich würde mir wünschen, dass sich möglichst viele Menschen daran beteiligen.“ so Dr. Rudolf Greiner, der Bezirkshauptmann von Schärding.

  • Text: Tobias Plettenbacher