Regional

Mit Herz dabei

Nachbarschaftshilfe im Veedel

Zeit verschenken – das ist es, was die 26-jährige Studentin tut, wenn sie mit einer 94-jährigen, einsamen Frau jede Woche eine Stunde Kaffee trinkt und plaudert. Das ist es, was der berufstätige Mittfünfziger tut, wenn er einem 30 Jahre älteren Nachbarn regelmäßig beim Einkaufen hilft. Und das ist es auch, was die Rentnerin tut, die einmal wöchentlich auf das Kleinkind einer Alleinerziehenden aufpasst. Was sie dafür bekommen? Nichts, jedenfalls kein Geld, denn das alles beschreibt ehrenamtliches Engagement, wie es ungefähr 500 Freiwillige bei den „Kölsch Hätz Nachbarschaftshilfen“ leisten.

„Dennoch gewinnt man dabei sehr viel“, sagt Regine Volmer lächelnd, die seit vier Jahren bei Kölsch Hätz in Ehrenfeld aktiv ist. Sie schätzt vor allem die reichen Lebenserfahrungen, die man bei dieser Arbeit sammeln kann. „Ich habe viele Menschen kennengelernt und ich durfte berührende Situationen erleben“, resümiert sie. Die tatkräftige Rentnerin ist eine von fünf ehrenamtlichen Koordinatoren der Nachbarschaftshilfe in Ehrenfeld und sorgt dafür, dass hilfebedürftige Menschen – ob Alte, Kranke oder Alleinerziehende – Unterstützung von hilfswilligen Menschen aus ihrer direkten Umgebung bekommen.

Gegründet 1997 in Mauenheim, Niehl und Weidenpesch gibt es Kölsch Hätz inzwischen in über 20 Kölner Stadtteilen als ökumenisches Projekt der katholischen Caritas und der evangelischen Diakonie. „Nachbarn helfen Nachbarn“, so lautet das Motto. „Die Verankerung im Veedel ist für uns wichtig – auch weil so keine unnötigen Wege entstehen“, erklärt Claudia Heep, die hauptamtlich die Arbeit von Kölsch Hätz organisiert. Regelmäßig trifft sie sich mit Regine Volmer und den anderen ehrenamtlichen Koordinatoren zu Teambesprechungen, bei denen neue Nachfragen und Angebote auf den Tisch kommen. „Gemeinsam überlegen wir, wer zu wem passt. Es bedarf viel Fingerspitzengefühls, zu interpretieren, welche Hilfeleistung in den einzelnen Fällen wirklich nötig ist und was jemand, der uns Unterstützung anbietet, auch leisten kann.“ Wenn man dann eine Anfrage mit einem passenden Angebot bedienen könne, würde ein erstes Treffen zwischen Ehrenamtler und Hilfesuchendem vereinbart, das von einem der ehrenamtlichen Koordinatoren begleitet wird. Auch danach bleibt ein ständiger Kontakt zu Kölsch Hätz erhalten. „Da lassen wir niemanden allein“, verspricht Claudia Heep.

Da lassen wir niemanden allein

Die Nachbarschaftshilfe bietet deshalb auch viermal im Jahr Treffen zum Erfahrungsaustausch und viele verschiedene Fortbildungen für seine Ehrenamtler an. In kostenlosen Seminaren werden Themen wie „Die Kunst des Zuhörens“ oder „Gesellschaftliche Herausforderung Demenz“ behandelt. Es gibt auch das Angebot eines Rollstuhltrainings, bei dem man lernt, wie man jemandem in den Rollstuhl hilft und wie man mit diesem Hindernisse überwindet. „Von großer Bedeutung ist für uns, unseren Helfern auch zu zeigen, wie man Grenzen zieht“, sagt Claudia Heep. Denn eine wichtige Voraussetzung für wirksame Hilfe sei es, sich abgrenzen zu können, die Probleme, mit denen man konfrontiert wird, nicht mit nachhause zu nehmen und kein schlechtes Gewissen zu haben, weil man meint, zu wenig zu helfen. „Das kann schnell passieren, wenn man der Einzige ist, der eine alte Dame besucht, und wenn man erlebt, wie sich diese über Ablenkung in ihrer Einsamkeit freut“, weiß die 45-jährige Diplom-Sozialpädagogin.

Das Konzept von Kölsch Hätz scheint ein Erfolgsmodell zu sein, denn die Nachbarschaftshilfe wächst. Schlag auf Schlag kamen seit der Gründung immer neue Dependancen hinzu. Der Bedarf an nachbarschaftlicher Hilfe steigt stetig in einer alternden Gesellschaft, in der herkömmliche Großfamilienstrukturen immer weniger vorhanden sind. Und parallel dazu gibt es bei vielen Menschen eine große Bereitschaft, sich ehrenamtlich zu engagieren. Die Schar der Kölsch-Hätz-Helfer, die meist ein bis zwei Stunden pro Woche für ihr Ehrenamt aufwenden, ist dabei bunt gemischt: Alte, Junge, Studenten, Senioren, Berufstätige. „Nur beim Geschlecht ist es nicht ausgewogen. Wir haben mehr Frauen, die ihre Hilfe anbieten“, sagt Claudia Heep. Das sei aber auch bei den Hilfesuchenden so. Hier seien die Männer ebenfalls unterrepräsentiert. „Frauen sind wohl generell aufgeschlossener“, begründet sie dieses Phänomen.

Regine Volmer ist das egal. Sie findet vor allem toll, dass sich so viele junge Menschen engagieren. Sie selbst hat sich ganz bewusst ein Jahr bevor sie in den Ruhestand gegangen ist, Gedanken darüber gemacht, wie sie ihren Lebensabend mit einer sinnvollen Aufgabe bereichern kann. Dabei steht die zweifache Großmutter durchaus mitten im Leben und hätte bestimmt auch ohne Kölsch Hätz keine Langeweile. „Aber ich verschenke gerne meine Zeit und nehme dankbar an, was ich dafür bekomme.“

  • Text & Foto: Christiane Martin