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Keine Atempause, Geschichte wird gemacht

Auch nach nunmehr 25 Jahren Vereinsgeschichte gilt: Das Allerweltshaus bleibt ein Ort der Begegnung und der politischen Auseinandersetzung.

Angefangen hat alles mitten in Ehrenfeld. Im Jahre 1988 bezog der von sieben Personen gegründete Verein Allerweltshaus Köln e.V. seine ersten Räumlichkeiten in der Wahlenstraße. Die Mieten waren niedrig im altindustriellen Stadtteil, die Arbeitsplätze auf dem Abmarsch und die Menschen im Veedel schon damals so vielfältig unterschiedlich wie heute. Die Gründerinnen und Gründer des Vereins kamen mehrheitlich aus der so genannten Solidaritätsbewegung, die sich für die Belange der sozialen Bewegungen vor allem in Lateinamerika und Afrika einsetzte. Das Ziel des neu gegründeten Vereins war es, einen sozialen, antirassistischen Raum zu schaffen, in dem sich Menschen (egal welcher Herkunft) treffen, austauschen, informieren, organisieren, kennenlernen und schützen konnten. Wie wichtig und zeitgemäß ein solches Vorhaben war, wurde spätestens nach der deutschen Wiedervereinigung mehr als deutlich. Die populistisch geführte Asyldebatte, die von „Scheinasylanten“ und „Überfremdung“ sprach, führte zum Wiedererstarken rechter Positionen. Pogrome waren die Folge. Rostock-Lichtenhagen, Hoyerswerda, Mölln und Solingen sind für uns seither nicht mehr nur Städtenamen. Die De-Facto-Abschaffung des Asylrechts im Jahr 1993 („Asylkompromiss“) ist für die Beratungsstelle des Vereins bis heute von maßgeblicher Bedeutung. Darüber hinaus spielen die Themen Flucht und Migration in der Aufklärungs- und Bildungsarbeit des Vereins eine wichtige Rolle: Warum migrieren Menschen nach Deutschland? Was sind die wahren Fluchtursachen? Wie sind die politischen Verhältnisse in den Herkunftsländern? Inwiefern ist die Regierung der Bundesrepublik Deutschland mitverantwortlich? Inwieweit trägt Deutschland historisch Verantwortung? Und was kann ich, als Einzelne, als Einzelner tun? Migration und Vielfalt begreifen wir als Chance, als gewünschte Normalität. Aber woher kommen die Ängste, die Vorurteile? Was genau ist eigentlich Rassismus und wie drückt er sich aus? Wem nützt er und wem fügt er Schaden zu? Die Begegnung sowie das gegenseitige Kennenlernen – so unsere Überzeugung – können dazu beitragen, Hemmnisse und Voreingenommenheit abzubauen.

Seit dem Jahr 1996 befindet sich das Allerweltshaus nun in der Körnerstraße 77-79/Ecke Grimmstraße. Es soll in Ehrenfeld tatsächlich noch Menschen geben, die uns noch nie besucht haben oder uns mit dem Weltladen verwechseln. Das Haus ist recht groß, eigentlich kaum zu verfehlen und recht bunt. Viele erstmalige Besucherinnen und Besucher sind überrascht und erzählen, dass sie sich das alles viel kleiner vorgestellt hätten. In den Fenstern des Hauses hängen immer viele Plakate und Zettel. Auf ihnen sind Veranstaltungshinweise oder politische Forderungen zu lesen. Alle Menschen sind jederzeit willkommen und unsere Tür ist so gut wie immer offen. Im Café gibt es gegen Spende Kaffee und Tee. Über zwanzig Initiativen und Vereine nutzen regelmäßig die Räumlichkeiten des Hauses. Die Aktivitäten der Initiativen sind genauso vielfältig wie ihre Namen. Im Haus passiert tagsüber ständig irgendetwas: es wird (oft gleichzeitig) Politik gemacht, gekocht, getanzt, gebastelt, gestritten, gelesen, gespielt, geschrieben, gemalt, gelacht, gesungen, geholfen, gelernt, geschlafen, gegessen und getrunken. Kein Tag gleicht dem anderen. Man weiß nie, und das ist auch gut so, wer gleich die Türe hereinkommt. Es gibt wenig Regeln, an die sich viele halten. Menschen kommen, Menschen gehen. Irgendwie wie Ehrenfeld, nur in klein, konzentriert. Wo treffen sich schon so viele Menschen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlicher Generationen? Wo treffen sich z.B. schon Menschen aus Guatemala, Palästina, Serbien, Südafrika und Deutschland an einem Tisch, um über die jeweilige Aufarbeitung ihrer Geschichte zu sprechen? Wo sprechen Menschen griechischer, armenischer, kurdischer und jüdischer Herkunft über ihre Erfahrungen im so genannten Nationalstaat Türkei?

Aber es ist noch längst nicht alles gut und nichts läuft von allein. Was genau im Allerweltshaus passiert, hängt stets davon ab, mit welchen Ideen und Veranstaltungen Einzelpersonen und Gruppen das Haus bereichern. Ein Verein wie der Allerweltshaus Köln e.V. funktioniert im Jahr 2013 nicht ohne die Haltung all der Ehrenamtlichen, die dem Mammon nicht den wichtigsten Platz in ihrem Leben einräumen. Geduld und Toleranz bleiben gute Weggefährten, um sich im Allerweltshaus wohl zu fühlen und sich zu engagieren. Auch nach 25-jähriger Vereinsgeschichte bestätigt sich die Notwendigkeit des Hauses: das Hartz-Regime hat die Sozialpolitik radikal verändert und prägt die Arbeit der Beratungsstelle des Vereins außerordentlich. Die Mieten in Ehrenfeld steigen. Wir beobachten die vielschichtigen Veränderungsprozesse in unserem Veedel mit großem Interesse, halten tapfer die non-profit-Flagge auf der Körnerstraße hoch und denken nicht allzu sehr an unseren befristeten Mietvertrag. Eine Stadt wie Köln, ein Stadtteil wie Ehrenfeld braucht weiterhin unabhängige Räume, in denen politische Diskurse stattfinden können. Themen gibt es zur Genüge. Was denkt Ihr? Kommt vorbei! Wir werden weiterhin die Frage nach dem guten Leben für alle weltweit und im Veedel stellen.

  • Text: Christian Nehls