Im Interview

Eine Piazza für Ehrenfeld

Spielplatz-Pate Antonio Pizzulli im Interview

Wenn man den Spielplatz Glasstraße betritt, spürt man es sofort: Dies ist ein Ort, an dem Nachbarschaft gelebt wird, wie man es sich wünscht. Es herrscht ein fröhliches Miteinander von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Und eigentlich haben die Kinder den Spielplatz längst umbenannt. Er heißt jetzt Antonio-Pizzulli-Platz.

Für uns Grund genug, den Namensgeber kennenlernen zu wollen. Wir trafen auf einen freundlichen Mann mit viel Energie und noch mehr Ideen für ein Veedel, in dem man sich kennt, respektiert, hilft und gemeinsam eine schöne Zeit verbringt.

Wie hat es dich eigentlich von Apulien nach Köln verschlagen?
Als Zivildienstleistender habe ich in Italien im sozialen Bereich gearbeitet und bin so in Sozialprojekte hineingerutscht. Bei einem Projekt habe ich eine Frau aus Köln kennen gelernt, die mir angeboten hat, Urlaub in Köln zu machen. Und jetzt dauert der Urlaub schon 33 Jahre.

Was gefällt dir besonders gut an Ehrenfeld?
Ehrenfeld ist wie ein Dorf. Wenn ich rausgehe, ist das so wie bei mir vor vielen Jahren. Man hat immer jemanden gefunden, um ein paar Worte zu wechseln. Wenn man in Italien ins Café geht, dann nicht, um Kaffee zu trinken, sondern um sich auszutauschen. Man braucht keine Zeitung zu lesen, denn man bekommt seine Informationen auf der Straße oder im Café.

Mein Gedanke war, diesen Spielplatz zu etwas wie eine italienische Piazza zu machen

Wie kam es dazu, dass du die Patenschaft für den Spielplatz übernommen hast?
Ich habe ein Jahr für Kölner gegen Rassismus gearbeitet. Ich sollte ein Jugendprojekt in der Körnerstraße organisieren. Die einzige Möglichkeit, mit Kindern oder Jugendlichen etwas zu machen, war dieser Spielplatz. Aber der war eine Ruine und nebenan gab es einen Umschlagplatz für Drogen. Ich fand das schade und habe mich gefragt, wie man mehr daraus machen kann. Dann habe ich herausgefunden, dass es in Köln die Möglichkeit gibt, beim Amt für Kinderinteressen eine Patenschaft für einen Spielplatz zu übernehmen.

Was genau macht man eigentlich als Spielplatz-Pate?
Man hat ein Auge auf den Spielplatz. Wenn man sieht, dass etwas nicht in Ordnung ist, dann informiert man das Amt für Kinderinteressen. Ob man mehr macht, hängt davon ab, wie viel Zeit und Lust man hat. Mir war es wichtig, dass die Menschen, die hier leben, sich näher kommen. Mein Gedanke war, diesen Spielplatz zu etwas wie eine italienische Piazza zu machen, wo alle Kinder und Eltern zusammenkommen, zu einem lebendigen Ort. Und das ist es auch geworden. Es ist eine wunderbare Mischung. Viele Familien kommen extra aus einem anderen Stadtteil hierher.

Was für Aktionen bietet Ihr den Kindern, Jugendlichen und der Nachbarschaft an?
Normalerweise machen wir regelmäßig Aktionen, um Geld zu sammeln. Wir bekommen etwas Geld vom Bezirksamt. Wir sind 4 Leute, die Mittwoch- und Donnerstagnachmittag hier auf dem Platz präsent sind und Aktionen anbieten. Das ist auf Honorarbasis.

Wir machen Aktionen, um mit dem Erlös die Räume zu sanieren und die Spielgeräte zu verbessern. Die Stadt Köln hat kaum Geld. Deshalb versuche ich mit den Eltern Feste zu organisieren. Dadurch war es zum Beispiel möglich, den Sandkasten und die Boccia-Bahn zu bauen. Wir haben den größten Teil gesammelt und den Rest hat uns das Amt für Kinderinteressen gegeben.

Die Kinder und Jugendlichen helfen auch immer mit. Wir haben Kräuter gepflanzt, Musik gemacht, miteinander gekocht. Es gibt verschiedene Phasen. Eine Zeitlang hatten wir überwiegend Mütter mit ihren kleinen Kindern hier. Seit ca. 5 Monaten haben wir eine Gruppe von Jugendlichen, die total gerne helfen. Die wollen gerne Kaffee verkaufen. Und neulich haben sie Spaghetti Bolognese gekocht.

Wenn wir ein Fest planen, bieten die Leute an, Kuchen oder Kaffee oder auch andere Sachen zu machen. Und seit 2 Jahren arbeiten wir mit Väter in Köln zusammen, mit denen wir schon wunderschöne Feste gemacht haben. Und mit dem Kölner Spielecircus haben wir auch eine Kooperation.

Was bringt dir an deinem Ehrenamt am meisten Spaß?
Zunächst einmal zu sehen, wie andere Menschen miteinander in Kontakt kommen.
1981 war ich nach dem Erdbeben in Kampanien als Freiwilliger dort. Da haben die Leute zu uns gesagt: „Was seid ihr dumm, dass ihr hierher kommt, um für umsonst zu arbeiten, das soll der Staat alles machen.“

Und ich dachte, es kann nicht sein, dass die Leute nicht verstehen, dass, wenn jeder etwas tut, es schneller und besser geht. In Köln habe ich das Glück gehabt, dass ich mit dieser Patenschaft etwas in Gang setzen konnte. Durch das Ehrenamt hat man die Möglichkeit, neue Impulse in die Stadt hineinzubringen.

Ich erhalte viel tolle Rückmeldung, sonst würde ich das auch nicht fortführen. Im kleinen Rahmen kann man eine Menge tun. Es gibt viele Leute, die gerne etwas mitgestalten wollen.

Die stehen in den Startlöchern, die muss man nur herausziehen aus diesen Startlöchern. Die Menschen können gerne vorbeikommen. Zusammen kann man mehr erreichen.

Es ist eine tolle Atmosphäre hier. Es ist so wie auf der Piazza. Jetzt sind hier die Kinder mit den Müttern, später kommen die Jugendlichen und noch später kommen die Erwachsenen vorbei.

Und es ist nicht so, dass ich für die ehrenamtliche Tätigkeit auf dem Spielplatz so viel Zeit aufbringe, das sind 4 bis 5 Stunden die Woche.

Und wie können sich die Nachbarn hier einbringen?
Also, ich habe selbst keine Kinder und bin deshalb darauf angewiesen, dass sie sagen, was die Bedürfnisse sind. Viele haben zum Beispiel gesagt, es fehlt ein Sandkiste und eine Rutsche für die kleinen Kinder und dann haben wir das angeschafft. Und viele Erwachsene haben auch gesagt, wenn wir am Abend kommen, ist nichts für uns da. Dadurch ist die Boccia-Bahn entstanden. Viele Leute haben dafür gespendet. Oder es wurde ein Waffelteig für das Fest neulich gebracht. Ohne die Unterstützung der Leute würde man nicht viel schaffen. Für mich ist es schön, am Nachmittag vorbeizukommen, lachende Kinder und glückliche Eltern zu sehen, das ist das Beste.

Vielleicht kannst du in diesem Zusammenhang nochmal sagen, was Nachbarschaft für dich bedeutet?
Ich glaube, wenn man sich kennt, fallen viele Vorurteile weg. Ich meine, man sollte Menschen nicht an den Rand schieben. Man muss sich kennenlernen. Viele Anwohner sind nicht gut auf die Bulgaren und Rumänen zu sprechen. Aber statt zu kriminalisieren, muss man das Gespräch suchen. Es kann dadurch nur besser werden. Jeder Mensch hat etwas zu sagen und zu geben.

Wenn man zusammen spielt, kann man alle zusammen bringen.

Wir haben auch viele Kinder von den bulgarischen Familien hier. Sie spielen hier und sie stehlen nicht. Ich bin Optimist, ich denke, es ist wichtig, bei den Kindern anzufangen, weil sie unsere Zukunft sind. Man soll für sie eine positive Nachbarschaft schaffen.

Kinder sind bestimmt auch gute Botschafter, um verschiedene Kulturen miteinander zu verbinden, oder? Wie erlebst du das?
Ja, wenn man zusammen spielt, kann man alle zusammen bringen. Und so ist es auch auf dem Spielplatz, da sind Türken, Bulgaren… die sehen nicht die Nationalität, die spüren durch die Atmosphäre hier, dass man gut miteinander leben kann.

Wir haben auch mit den Kochaktionen gute Erfahrungen gemacht. Zusammen kochen und essen fördert den Kulturaustausch. Dadurch dass Kinder hier zusammen spielen, kommen auch die Eltern in Kontakt, die sonst in einem Café wohl nie auf die Idee kommen würden, ein paar Worte zu wechseln.

Wie erlebst du das Miteinander hier in der Nachbarschaft?
Jeder kennt jeden. Köln hat die schöne Eigenschaft, dass man sich oft trifft, ein paar Worte wechselt. Die Venloer Straße ist ein bisschen so wie ein Corso in Italien. Man hört ungemein viele Dialekte und Sprachen. Die Spielplätze sind auch etwas Besonderes. Mein Anliegen wäre, dass es eine Stadtkarte gibt, wo eingezeichnet ist, was man da jeweils unternehmen kann.

Was sind deine Zukunftswünsche für den Spielplatz?
Ich möchte die beiden Spielplätze, die durch den Parkplatz getrennt sind, vereinen. Ich hatte erst an eine Brücke gedacht, aber das ist von der Konstruktion her zu teuer. Eine andere Möglichkeit wäre, dass der Parkplatz wegkommt, denn das ist zu gefährlich für die kleinen Kinder. Mein Traum wäre eine große Insel, sodass die Kinder ohne Probleme spielen könnten.

Was wünschst du dir für Ehrenfeld?
Bezahlbare Wohnungen! Es sollte nicht zu kommerziell werden und auch die Kunst- und Designszene sollte nicht überhand nehmen. Es gibt mittlerweile Leute, die viel Geld dafür geben, um sich hier einen Raum schaffen. Wenn dadurch die Menschen, die hier leben, weggedrängt werden, dann ist das traurig. Dann würde das Flair von Ehrenfeld verschwinden. Es sollte schon eine schöne bunte Mischung bleiben.

Und es wäre toll, wenn jetzt die Bahnbögen endlich saniert werden. Denn es ist eine Schande, dass so eine tolle Möglichkeit nur als Treffpunkt für Ratten benutzt wird.Und deine Wünsche für dich selbst?

Ich wünsche mir, dass ich gesund bleibe, um wie gehabt weiter machen zu können. Meine Lebensgefährtin hatte vor 3 ½ Jahren einen Schlaganfall und alles so zu organisieren ist nicht einfach. Aber ich habe gemerkt, was man alles schaffen kann, wenn man positiv denkt. Wir haben auch Unterstützung von Kölsch Hätz bekommen, indem sie mir jemanden geschickt haben. Das waren nur 2 Stunden die Woche. Aber dass da jemand ist, der mich nicht kennt und mir helfen will, das war eine wunderbare Erfahrung. Das ist auch so eine Eigenschaft von Ehrenfeld, dass es hier viele Ideen und Organisationen sind. Man braucht nicht immer große Institutionen, kleine Initiativen können auch vieles schaffen.

Vielen Dank für das inspirierende Gespräch!

  • Text: Monika Hogrefe