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Unterwegs als menschliches Schutzschild

Um andere zu retten, setzen Freiwillige der Peace Brigades International ihr Leben ein

Es klingt gefährlich: Mit dem Tode bedrohte Menschen lassen sich bei Reisen und öffentlichen Auftritten von Friedensbrigadisten begleiten. Diese Freiwilligen der Peace Brigades International (PBI) sind nicht bewaffnet, sie tragen weder Schutzhelme noch kugelsichere Westen. Das Einzige, was sie wirklich schützt, ist ihr gutes Netzwerk und eine akkurate Einsatzplanung.

Draufgänger-Typen sucht man bei PBI vergebens. Es sind eher umsichtig handelnde Menschen, die bereit sind, für ein Jahr in das Krisengebiet eines fremden Landes zu reisen, um bedrohte Menschenrechtsaktivisten mit dem eigenen Leben zu schützen. Einer von ihnen ist der gebürtige Frankfurter Felix Weiß (32). Ende 2014 kehrte er von seinem Auslandsjahr in Guatemala zurück. Gemeinsam mit neun weiteren Schutzbegleitern hatte Weiß in der Hauptstadt des Landes gelebt und von dort aus das Guatemala-Projekt gesteuert. Guatemala war das erste Einsatzland von PBI. Die 1981 gegründete, nicht staatliche Organisation unterscheidet sich deutlich von den übrigen Hilfsdiensten. Ihre Mitarbeiter agieren im Hintergrund und stellen sich in den Dienst der begleiteten Personen. „Den Großteil der Zeit sind wir mit Büroarbeit beschäftigt“, erklärt Felix. „Bevor wir zur Begleitung von zu schützenden Personen aufbrechen, müssen wir eine Sicherheitsanalyse durchführen und uns mit lokalen sowie internationalen Beobachtern austauschen.“ Sobald die Route oder der Ortstermin feststeht, werden die Informationen an die örtlichen Behörden weitergeleitet. Denn: „Je mehr offizielle Stellen Bescheid wissen, desto sicherer ist die Begleitung.“

DAS NICHTEINTRETEN VON KATASTROPHEN IST UNSER ERFOLG

Während seiner Zeit in Guatemala hat Felix immer wieder die CCCND („Coordinadora Central Campesina Chortí Neuvo Día“, dt. Zentrale Bauernkoordination Chortí „Neuer Tag“) im Osten des Landes unterstützt. Die Bauernvertreter werden zunehmend für ihre Arbeit bedroht – alleine im Jahr 2014 verfünffachte sich die Zahl der von PBI registrierten Vorfälle wie Einschüchterungen, Morddrohungen, Attacken und Diffamierungen. Dennoch setzt die Organisation ihre Informationsarbeit mit Hilfe von PBI fort. Auf öffentlichen Versammlungen in den umliegenden Gemeinden von Camotán schulen die Aktivisten die ländliche Bevölkerung in Rechts- und Besitzfragen, ebenso wie in Themen der eigenen Produktivität. Immer dabei: zwei internationale Friedensbrigadisten.
Die menschlichen Schutzschilde tragen weithin sichtbare rote Westen. Ihre bloße Anwesenheit soll Aggressoren abschrecken und die politischen Kosten eines Übergriffs so teuer machen, dass er sich nicht lohnt. Der Erfolg der PBI liegt im Nichteintreten von Tragödien. Was die freiwilligen Schutzbegleiter erleben, ist häufig unspektakulär. Doch was sie tun, bewirkt viel. Für die Bauernvertreter aus Camotán bedeutet das, dass sie am Abend lebend von ihrem Auftritt bei der Gemeindeversammlung zurückkehren.
Um die abschreckende und gewaltverhindernde Wirkung der Begleitung zu verstärken und die Sicherheit der Mitarbeiter zu erhöhen, steht die PBI in ständigem Kontakt mit allen Regierungsstellen, Botschaften und internationalen Organisationen. Zurzeit ist die PBI mit rund 100 Auslandsfreiwilligen in sechs weiteren Ländern im Einsatz: in Kolumbien, Mexiko, Honduras, Indonesien, Kenia und Nepal.

Bei ihrer Arbeit folgt die PBI festen Grundsätzen: Generell wird man nur auf Anfrage tätig. Denn, so die einhellige Meinung bei PBI, die Menschen vor Ort wüssten selbst am allerbesten, wie sie zu Frieden kommen. Was den Aktivisten vor Ort häufig fehle, sei der Raum für freie Meinungsäußerung. Weitere Grundsätze sind die uneingeschränkte Gewaltfreiheit sowie die Nichtparteinahme und Nichteinmischung in politische Angelegenheiten.
Ob die Mitglieder der CCCND mittelfristig auch ohne ihre Begleitung öffentlich auftreten können, hält Felix für unwahrscheinlich. Und so werden seine Kollegen auch im nächsten Jahr den Einsatz für die Bauern von Camotán fortsetzen – so lange, bis sich die Sicherheitslage in der Region grundlegend verbessert hat und von den Aggressoren keine Gefahr mehr für sie ausgeht.

Peace Brigades International (PBI) ist eine 1981 gegründete und von den Vereinten Nationen anerkannte Organisation, die sich für Menschenrechte einsetzt, indem sie bedrohte Aktivisten begleitet.
pbideutschland.de
pbi-guatemala.org

  • Text: Thomas Meurer
  • Foto: Felix Weiß / PBI