Im Interview

Jeder Mensch hat seine Geschichte

Eva Grommes im Interview

Seit mehr als fünf Jahren engagiert sich Eva politisch und setzt sich unter anderem verstärkt für geflüchtete Kinder und Erwachsene ein, die aus dem Irak geflohen sind. Nicht nur in den Medien gilt allen Betroffenen, die aufgrund von Krieg und Terror ihre Heimat hinter sich lassen mussten und in Deutschland auf ein Leben in Frieden hoffen, gerade besonders große Aufmerksamkeit.

Saubere Kleidung, etwas zu Essen, ein sicherer Platz zum Schlafen – überall versuchen die Menschen zu helfen und so den ersten Schritt in Richtung Neubeginn zu erleichtern. Um für die Geflüchteten jedoch auch langfristig Perspektiven zu schaffen, sind neben materiellen Dingen noch viele weitere Maßnahmen notwendig. Wie diese aussehen und was für Möglichkeiten es gibt, sich als Bürger dabei einzubringen, wollten wir von Eva wissen.

Die Flüchtlingssituation ist momentan überall ein gefragtes Thema. Wann hast Du Dich zum ersten Mal damit auseinandergesetzt?

Eine Freundin von mir wohnt in Köln Sürth. Dort gab es vor rund anderthalb Jahren Proteste gegen ein Flüchtlingsheim, das vor Ort gebaut werden sollte. Wir haben das hautnah miterlebt und schnell bemerkt, dass viele Menschen überhaupt nicht wissen, was genau da überhaupt passiert und vor allem, was dahintersteckt und wieso die Menschen eigentlich zu uns kommen. Das wollten wir gern ändern und haben uns dazu entschlossen, Menschen von der Stadt einzuladen, die die Anwohner und auch uns genauer über die Hintergründe informieren sollten.

Wie sehen diese genauer aus?

Die meisten Menschen wissen zwar, dass in Ländern wie Syrien oder dem Irak schon lange Krieg herrscht, doch in der Regel hat kaum jemand eine Ahnung, was genau dort vor sich geht, was den Menschen alles passiert ist, bevor sie aus ihrem Heimatland geflohen sind und wie sie es überhaupt hierher geschafft haben. Meiner Meinung nach ist dieses Wissen eine sehr elementare Vorarbeit. Wer die persönlichen Geschichten kennt, kann die Geflüchteten besser verstehen und ihnen schließlich auch besser helfen.

Und wie genau versuchst Du zu helfen?

Ich betreue zurzeit mehrere Flüchtlingsprojekte gleichzeitig und versuche auch, sie miteinander zu verbinden. An erster Stelle koordiniere ich Sachspendenanfragen. Das heißt, ich schaue, wo etwas in Köln benötigt wird und was genau, damit es da ankommt, wo es auch am nötigsten gebraucht wird. Genauso sieht es mit den Ehrenamtlichen in Köln aus. Ich mache mich darüber schlau, wo helfende Hände, wie die eines Dolmetschers oder Lehrers gefragt sind und bemühe mich, dass sie an richtiger Stelle eingesetzt werden.

Würde jeder, der helfen möchte, sich individuell um einen Menschen kümmern, wäre der erste Schritt in die Integration getan.

Sind es denn viele, die freiwillig helfen möchten?

Die Hilfsbereitschaft der Kölnerinnen und Kölner ist aufgrund der aktuellen Lage unglaublich gestiegen. Als ich meine Arbeit damals begonnen habe, war es nicht annähernd so. Wenn überhaupt, dann fielen die Heime für Geflüchtete den Menschen eher negativ auf, wie zum Beispiel das in der Herkulesstraße. Das hatte sehr viel schlechte Presse, über Diebstahl und Gewalttaten – einmal gab es auch einen Anschlag auf das Wohnheim.

Denkst Du also, dass die Medien momentan besser damit umgehen als zuvor?

Dem Thema steht auf jeden Fall eine solche Präsenz zu, da es uns ja gerade sehr beschäftigt. Vielleicht wäre aber ein anderer Schwerpunkt nicht verkehrt. Wir hören gerade ständig, dass immer mehr Betroffene hierher kommen. Aber was passiert da überhaupt gerade im Irak? Und wieso müssen so viele Menschen für immer aus ihrer Heimat fliehen? Darüber hört man einfach so gut wie gar nichts mehr. Das ärgert mich sehr.

Und wie sieht es Deiner Meinung nach von Seiten der Politik aus?

Es wäre wichtig, den Geflüchteten den Neustart in Deutschland mehr zu erleichtern. Zum Beispiel durch eine Schulpflicht für die Kinder in den Notunterkünften. Da sie teilweise sehr lange dort untergebracht sind, können sie die Sprache nicht lernen und werden allgemein zu wenig beschäftigt. Ich denke außerdem, dass Fachkräfte ihre Ausbildung einfacher anerkannt bekommen sollten. Man hört oft von solchen Fällen, dass Leute im Ausland studiert haben, der Abschluss aber hier in Deutschland nicht akzeptiert wird. Ich selbst kenne jemanden, der im Iran bereits erfolgreich Elektrotechnik studiert und dort sogar schon gearbeitet hat. Dann ist er gemeinsam mit seiner Frau geflohen und muss hier nun komplett von vorn anfangen, also noch mal sechs Jahre studieren. Dabei ist das Bildungssystem im Iran nicht schlechter als unseres, im Gegenteil. Vor allem werden ja gerade Maschinenbauer und Elektrotechniker in Deutschland verstärkt gesucht.

Was könnt Ihr hier in Ehrenfeld tun, um diese Situation zu verbessern?

Da das nationale Politik ist, sind die Möglichkeiten leider begrenzt. Wir versuchen, gerade die Kinder direkt in Flüchtlingsunterkünfte zu bekommen, da sie dort auch ein Anrecht auf einen Schulplatz haben. Was wir dabei allerdings dringend bräuchten, ist ein Koordinator, der den Ehrenamtlichen sagt, was wann und wo zu tun ist. Wir haben zwar eine Menge Angebote an Engagement hier, viele wissen aber einfach nicht, wo genau sie helfen können.

Es ist wichtig, viel zu lachen, denn das schafft Gemeinsamkeiten und überwindet Barrieren.

Was würdest Du den Bürgerinnen und Bürgern, die sich engagieren möchten, in diesem Fall denn raten?

Es gibt mittlerweile Unmengen an Sachspenden. Was jetzt wirklich helfen würde, ist die individuelle Begleitung der Geflüchteten. Besonders wenn man neu in ein Land kommt und die Sprache nicht spricht, gibt es so viele bürokratische Akte wie Amtsgänge, Arztbesuche, wichtiger Papierkram, der ausgefüllt werden muss … das stellt oft ein viel größeres Hindernis dar als fehlende, materielle Dinge. Wenn sich die Menschen ganz individuell um eine Familie oder um eine Person kümmern würden, mit ihm die Telefonnummern austauschen und bei so etwas unter die Arme greifen würden - ihm vielleicht auch zeigen würden, wo man am besten im Veedel einkaufen oder schön mit dem Kind spazieren gehen kann … dann wäre der erste Schritt in die Integration getan und der Neustart um einiges einfacher.

Und sicher bringt dies doch auch positive Erfahrungen für das eigene Leben mit …

Auf jeden Fall! Mir selbst ist aufgefallen, dass ich Personen, die ich zum ersten Mal in meinem Leben treffe, viel unvoreingenommener gegenüberstehe als vorher. Ich versuche, deren eigene Geschichte zu sehen anstatt sie direkt den Stereotypen einer Gruppe zuzuordnen. Das verspricht eine gewisse Leichtigkeit. Mir wurde neulich gesagt, dass ich im Alltag die ganze Zeit so viel lache. Lachen schafft einfach Gemeinsamkeiten und überwindet mögliche Barrieren. Wenn ich mich mit den Kindern nicht verstehe, weil keiner die Sprache des anderen beherrscht, dann lachen wir ganz viel zusammen und sie fühlen sich direkt wohler, ich ebenso. Schließlich kommt jeder besser aus sich selbst heraus.

Kürzlich bist Du mit anderen Freiwilligen des Hawar Hilfswerks in den Irak gereist, um direkt vor Ort zu helfen. Woher hast Du den Mut dazu genommen?

Bisher musste ich eigentlich gar keinen Mut dafür aufbringen. Die Entscheidung, dieses Mal mitzufahren, habe ich schon letztes Jahr getroffen und sie ist mir sehr leicht gefallen. Ich war total gespannt und neugierig, was mich dort erwartet. Da das keinerlei Überwindung war, spielt Mut für mich hier also überhaupt keine Rolle.

Was genau war denn Euer Ziel?

Ich hatte unter anderem zehn Lederfußbälle und Luftpumpenim Gepäck. Wir haben außerdem vor der
Reise bei all unseren Freundinnen Modeschmuck für die Mädchen gesammelt. Vor Ort haben wir dann noch 1600 Schulranzen gekauft und sie mit Federmäppchen, Stiften, Zahnbürsten & Co. gefüllt. Vom übrigen Geld wurden Lebensmittel gekauft, die wir – ebenso wie die Schulranzen – mit LKWs ins Shingal-Gebirge gebracht haben. Dort herrschen gerade sehr große Unruhen und den Menschen dort geht es noch schlechter als in den Flüchtlingslagern. Wir haben außerdem erfolgreich geschafft, in einem der Lager eine kleine Bibliothek einzurichten. Momentan haben die Kinder dort nämlich nur Schulliteratur und keinerlei anderen Lesestoff wie Romane, etwas Historisches oder einfache Schulbücher zum Anschauen. Das ist wirklich schade und sollte sich daher unbedingt ändern.

Das klingt toll und ihr habt wirklich viel geschafft. Viele sorgen sich jedoch, dass bei diesem enormen Engagement für Geflüchtete wohlmöglich andere Hilfsbedürftige vernachlässigt werden. Zu Recht?

Ich glaube, dass diese Sorge unbegründet ist. Man kümmert sich in Köln ja nach wie vor auch um andere Menschen, die Hilfe nötig haben. Das wird in keiner Hinsicht eingeschränkt, indem Ressourcen abgezogen werden. Die Situation der Geflüchteten ist nur aufgrund der starken Präsenz in den Medien einfach gerade eine sehr große Motivation, verstärkt in diesem Bereich aktiv zu werden.

Das heißt, je mehr Präsenz es in den Medien gibt desto mehr Unterstützung kommt von den Bürgern? Es wäre sicher hilfreich, wenn das Thema in Zukunft nicht so abflaut wie zum Beispiel Ebola. Da gab es einen wochenlangen Hype, jeder wusste Bescheid und hat darüber geredet. Doch plötzlich hört man dazu gar nichts mehr. Der Einsatz, den die Bürger gerade zeigen, beweist jedoch, dass das auch anders geht. Der Fokus hat sich hier scheinbar komplett verlagert und die Hilfsbereitschaft steht nun absolut im Vordergrund.


Wir bedanken uns bei Eva für das nette Gespräch und hoffen weiterhin auf viel Aufgeschlossenheit aller Bürgerinnen und Bürger, und dass sie sich weiter dort einbringen, wo es ihnen möglich ist.

  • Text: Sarah Latussek
  • Foto: Bozica Babic