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Die Welt zu Gast im Veedel

In Ehrenfeld leben Menschen aus der ganzen Welt. Jetzt kommen neue Mitbewohner dazu.

Wie eine Insel liegt das Dreieck an der Herkulesstraße zwischen Bahndamm, Innerer Kanalstraße und Autobahn, umrauscht vom Verkehr. Eine Rettungsinsel ist es auch für die, die weltweit vor Krieg, Verfolgung und Armut fliehen:

Hier befindet sich eine Notaufnahmestelle für Schutz Suchende, die gerade neu in Köln ankommen. Eigentlich sollte die Einrichtung geschlossen und kleinere Unterkünften mit maximal 80 Plätzen errichtet werden. Nach dem Anstieg der Flüchtlingszahlen wurde das Gebäude aber wieder belegt – mit momentan über 600 Menschen.

Zwar ist ein Ansturm wie in München im September in Köln noch ausgeblieben. Trotzdem sind die Stadtverwaltung und das Land dringlich auf der Suche nach Unterbringungen. So dienen in Ehrenfeld ein altes Bürogebäude in der Oskar-Jäger-Straße, ein kleineres Wohnheim in der Geisselstraße sowie angemietete, günstige Hotels als Unterkunft.

Ehrenfeld spielt eine Sonderrolle bei der Aufnahme von Menschen, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden – nicht nur wegen der Herkulesstraße. So ist der Stadtteil bereits migrantisch geprägt. Das sieht man nicht nur an den Läden oder Passanten auf der Venloer Straße, sondern auch in der Statistik. Jeder fünfte Ehrenfelder hat keinen deutschen Pass, jeder dritte Ehrenfelder eine Migrationsgeschichte. Die Gründe haben sich über die Jahrzehnte gewandelt. Aber egal, warum die Menschen kamen – sie haben den Stadtteil bunt und lebendig gemacht.

Willkommen in ehrenfeld

Ähnlich wie in anderen Stadtvierteln hat sich in Ehrenfeld eine breite Bewegung zur Unterstützung der neuen Nachbarn gebildet. Unter dem Titel „Willkommen in Ehrenfeld“ gibt es einen Internetauftritt, regelmäßige Treffen, Mailinglisten für engagierte Helferinnen und Helfer. In den Arbeitsgruppen engagieren sich Anwohner, die Deutschunterricht geben, teilweise seit Monaten, bei Behördengängen helfen oder Freizeitaktivitäten organisieren.

Dabei greift die Willkommens-Initiative auf gut etablierte Netzwerke zurück. Sie wird getragen vom Kölner Appell gegen Rassismus e.V. und arbeitet eng mit zuständigen Ämtern wie dem Interkulturellen Dienst Ehrenfeld, der im Bezirksrathaus sitzt, zusammen. Auf der regelmäßig stattfindenden „Stadtteilkonferenz“ tauschen sich die beteiligten Akteure aus und planen gemeinsame Aktionen. Auf dem seit Jahren stattfindenden interkulturellen Stadtteilfest „Expressions“ im September auf dem Spielplatz auf der Glasstraße konnten nicht nur Kinder und Familien wie gewohnt spielend entspannen­­. Dieses Jahr konnten ehrenamtliche Helfer Organisationen und Flüchtlingsfamilien direkt und vor Ort kennenlernen.

Die Hilfsbereitschaft ist dabei groß – alleine bei Jannet Gelhaar-Michels, die als Jugendpflegerin im Bezirksrathaus die Angebote für Kinder und Jugendliche organisiert, kommen jeden Tag ein Dutzend Emails an. Und für Kinder gibt es eine ganze Reihe von Freizeitangeboten – von Fußball bis Töpfern, und das sowohl in der Herkulesstraße selbst als auch von Vereinen aus dem Veedel wie dem Spielecircus oder dem Jugendfreizeitwerk.

Einfach-miteinander-leben

Neben den offiziellen Angeboten gibt es auch viele freie Initiativen. Viele Anwohner sammeln und sortieren Sachspenden. So möchte die Faradgang Menschen Zugang zu Mobilität verschaffen – und hat schon Fahrräder mit und für die Bewohner der Herkulesstraße repariert. Auch andere Initiativen haben immer wieder zum Spendensammeln aufgerufen – letzten Dezember schon das Café und Hostel Weltempfänger auf der Venloer Straße, das Winterkleidung gesammelt hat. Aus Anlass der „Hofflohmärkte“ wurden im Gemeinschaftsbüro Colabor „Have a Good Start“-Kisten gesammelt. Sie dienen als Erstausstattung für den Wegzug aus der Erstaufnahmeeinrichtung in eine feste Unterkunft oder die erste eigene Wohnung.

Im Alltag und auf der Straße fallen die neuen Mitbewohner noch nicht wirklich auf. Wie auch, ist doch Ehrenfeld ohnehin schon bunter und vielfältiger als viele andere Kölner Veedel. Und egal wie sich die Situation in den Heimatländern entwickelt und wie lange sie bleiben, viele vielleicht für immer: Das in Ehrenfeld gut erprobte und selbstverständliche, gelassene „Einfach-miteinander-leben“ ist vielleicht die beste Integrationsmaßnahme. Martin Herrndorf

Wer sich einbringen und helfen will, sollte sich vorher informieren – und sich mit den offiziellen Anlaufstellen abstimmen. Oder direkt in einer der bestehenden Gruppe mitarbeiten.
wiku-ehrenfeld.de
stadtbezirk-ehrenfeld.info
stadt-koeln.de/leben-in-koeln/soziales/koeln-hilft-fluechtlingen
koeln-freiwillig.de

  • Text: Martin Herrndorf
  • Foto: Bozica Babic