Global

Der Klang von Ölfässern

Wie ein Jugendorchester mit Instrumenten aus Müll die Welt erobert

Für uns ist Müll etwas, das wir nicht mehr benötigen; Überreste und Rückstände des Lebens. Die Bewohner eines Slums in Paraguay dagegen sind auf Müll angewiesen, denn sie leben in ihm – und von ihm. Und doch ist es dort gelungen, aus den Abfällen etwas von Dauer und Schönheit zu schaffen: Instrumente, die ein junges Sinfonieorchester ausstaffieren. Trash-Musik neu definiert.

Cateura hält zwei traurige Rekorde: Es gilt als ärmster Slum Südamerikas und es ist die größte Müllhalde Paraguays. Täglich wächst das Dorf um 1500 Tonnen Müll. Für Cateuras Bewohner bedeutet das Abfall im Wasser, Abfall auf den Wegen, Abfall wohin man sieht. Und es bedeutet auch, dass die Ressource Müll hier den Lebensunterhalt sichert. Menschen waten durch die Fluten aus Unrat und sammeln auf, was sich zu Geld machen lässt, zwölf Monate im Jahr und vierundzwanzig Stunden am Tag. Niemand wäre hier je auf die Idee gekommen, dass aus Müll Gutes entstehen kann. Bis Fávio Chávez nach Cateura kam – und mit ihm die Musik.
Längst in Cateura für seine Musik bekannter als für seine Müllberge. Zu verdanken ist das dem „Recycled Orchestra“, einem von Chávez gegründeten Kinder- und Jugendorchester, das Instrumenten aus Müll merkwürdig bekannte und gleichzeitig wundersame Klänge abgewinnt. Eigentlich schwebte Chávez nur eine Musikschule für Kinder vor. Und eigentlich ist Chávez kein Orchesterleiter, sondern Umwelttechniker. 2006 arbeitet er in Cateura und er sieht, wie Kinder im Müll spielen, arbeiten und leben. Seine Vision einer Musikschule entpuppt sich schon bald als Utopie, denn eine einzelne Geige kostet in Cateura mehr als ein ganzes Haus. Zum Glück gibt Chávez nicht auf, sondern findet in dem Müllsammler Nicólas Gómez, Spitzname Cola, einen Mitstreiter. Und zum Glück ist Cola einer der wenigen Menschen, die zwischen all dem Müll noch eine Berufung spüren. Colas Berufung ist es, Instrumente zu bauen. Er erschafft Celli aus Ölfässern, Saxophone aus Rohren und Tasten aus Knöpfen oder Flaschendeckeln. Es sind eigenwillige Kunstwerke aus Abfall, sie bilden den Grundstock für das junge Orchester, das Chávez aufbaut.
Geübt wird auf einem Schulhof, auch bei Regen, der hier in den Tropen kommt und geht. Die Älteren unterrichten die Jüngeren, die zum Teil noch so klein sind, dass sie ihre Instrumente kaum halten können. Inzwischen baut Cola mehrere Instrumente pro Woche. Wenn das „Recycled Orchestra“ aufspielt, dann klingt das unvermutet virtuos und vertraut, wenngleich der Klang eigen ist. Die Kinder mögen nicht privilegiert sein, aber sie spielen leidenschaftlich und üben hart. Die 15-jährige Ada spielt die Erste Geige, drei Jahre ist sie schon dabei. Seitdem hat sich vieles für sie verändert. „Wenn ich Violine spiele, dann habe ich das Gefühl, irgendwo anders zu sein. Ich vergesse alles um mich herum und fühle mich an einen schönen Ort versetzt.“ An ihrem Traumort gibt es einen klaren Himmel, viel Grün und keinen Müll. Kunst ist hier kein Selbstzweck, sondern Lebensinhalt und kollektive Rettung. Die Musik füllt ein Vakuum. Chávez weiß, dass die Werte, die er den Kindern vermittelt, im krassen Gegensatz zu allem stehen, was sie bislang kannten: „Sobald diese Kinder das Spielen im Orchester lieben lernen, werden sie es regelrecht hassen, Teil einer Gang zu sein.“ Adas Mutter ist stolz und dankbar, früher wäre sie am liebsten selbst Sängerin geworden. So wie sie wünschen sich alle Eltern in Cateura ein besseres Leben für ihre Kinder, selbst wenn das bedeutet, dass sie den Ort auf der Halde, ihre Heimat, verlassen müssen.

Abfall wohin man sieht

Inzwischen berichteten unter anderem die BBC, CNN oder The Washington Post über das „Recycled Orchestra“, im Netz finden sich unzählige Clips zu Auftritten und Fernsehberichten und die nächste Tour soll sie rund um die Welt führen. Finanziert wird die Reise durch das Crowdfunding-Projekt „Landfill Harmonics“ – eine Wortneuschöpfung, die die englischen Wörter „landfill“ (Müllhalde) und „philharmonics“ verbindet. Das Projekt rund um das „Recycled Orchestra“ produziert unter anderem einen Dokumentarfilm – ebenfalls durch Crowdfunding finanziert –, für den ein Filmteam das Orchester zwischen 2010 und 2013 immer wieder besuchte. 2014 nun soll der Film fertiggestellt werden. „Diese Kinder waren unsichtbar. Niemand wusste, dass sie existieren“, sagt Chávez. „Wir haben sie auf die Bühne geholt – und jetzt schauen alle auf sie.“ Anfragen aus aller Welt und aller Art erreichen das Orchester und das „Landfill Harmonics“-Projekt: Wo kann man sie live sehen und wie unterstützen? Sind die einzigartigen Instrumente verkäuflich? Auch uns hat das Projekt längst erreicht, denn vom Upcycling paraguayischer Art können die Deutschen sich noch viel abschauen. Das zeigt unter anderem ein aktuelles Projekt der Hochschule für Künste Bremen: Der Kurs „Intro to Sound and Recycled Orchestra“ geht der Herkunft von Tönen und Klängen nach, mit Hilfe selbstgebauter Instrumente aus Müll. Sicher merken die Studenten schnell, wie gut ein leeres Ölfass klingen kann.“

  • Text: Maren Lupberger
  • Foto: Courtesy - Landfill Harmonic