Lokal

Aus alt mach' besser

Bei Jack in the Box wird aus Weggeworfenem Neues

Am Anfang waren die Schiffscontainer. War die Faszination, aus den klobigen, oft verschrammelten und angekatschten Metallkisten etwas Neues, Nützliches, Schönes zu machen. Aus Kisten, die quer durch die Welt gereist sind, viel gesehen haben. Die eine neue Chance bekommen sollten.

An Schiffscontainern muss immer noch vorbei, wer zu Jack in the Box will. Sie stehen am Eingang des alten Güterbahnhofsgeländes in Ehrenfeld. Dann geht es über Kopfsteinpflaster und durch Pfützen zur großen Brache, die sich an den Bahnschienen langzieht, an der rechts die Hallen von Jack in the Box liegen.
Die große Halle ist vielen bekannt. Hier finden zum Beispiel die Nachtflohmärkte statt. Um die 2000 Besucher kommen abends, am Wochenende, um Nützliches und Skurriles zu kaufen oder zu verkaufen, um ein Bierchen zu trinken und der Musik zu lauschen. Weniger bekannt ist, dass sich nebenan die „Upcycling-Werkstatt“ befindet, als soziales Projekt von Jack in the Box. Momentan 22 Personen gestalten hier, kreativ und selbstbestimmt, Neues aus alten Materialen, aus Weggeworfenem und Überflüssigem.
Martin Schmittseifer, Sozialarbeiter, hat Jack in the Box gegründet und leitet den Verein. Von ihm stammt die Idee mit den Containern, die hier bis 2013 aus- und umgebaut wurden. Und über die Container hat er für sich auch das ‚Upcycling‘ entdeckt, schon 2006, bevor der Begriff in der Design- und Modewelt Karriere machte. Upcycling bedeutet für ihn, Produkten und Gegenständen eine zweite Chance zu geben, die Möglichkeit für ein „zweites Leben“. Aus alten Obstkisten werden Sitzflächen, aus alten Spinden schicke Kommoden, aus Elektroschrott Kunst.
Eine zweite Chance ist Upcycling auch für die Menschen, die bei Jack in the Box arbeiten. Sie werden der Initiative von der Agentur für Arbeit zugewiesen, weil sie aufgrund von Erkrankungen, Schicksalsschlägen, Lebenskrisen und oft schon fortgeschrittenem Alter keine Erwerbsarbeit ausüben. Die kreative Tätigkeit gibt ihnen die Möglichkeit, schrittweise wieder zu sich selbst zu finden: „Manche sind total am Boden. Die blühen hier total wieder auf“, berichtet Martin Schmittseifer.
Wie Samir Aleskerow. Er war Regisseur in seiner Heimat Aserbaidschan und schwärmt heute noch vom kulturellen Leben in Baku, der Hauptstadt des Landes. Von Rostropovich, dem weltbekannten Cellisten und Dirigenten, oder von Vagif Mustafa Zadeh, der noch während der Sowjetzeit modernen Jazz mit Mugham, einem lokalen Musikstil, zusammenbrachte. Von Bakus altem Glanz sei wenig geblieben, beklagt Samir. Er hat seine Heimat verlassen und versucht, in Deutschland Fuß zu fassen. Doch seinen Einzelhandelsladen hat er aufgegeben, mit seiner Familie hat er sich zerstritten, den Glauben an die Menschheit hatte er verloren.

wieder echte Sachen wählen

Bei Jack in the Box fühlt er sich aufgenommen. Upcycling ist für ihn Philosophie und Weltkonzept: „Die wichtigsten Dinge in der Welt gehen grade kaputt, es bleiben die Dinge an der Seite, die, an denen alle vorbeigehen.“ Mit diesen Dingen arbeitet er als Künstler. Ihn reizen Naturmaterialien, aber auch Dinge, die bereits gestaltet sind und sich interessant zu einem neuen Ganzen kombinieren lassen. Die Splitter seines aufgebrochenen Autos werden zur Basis einer Statue, alte Elektronikteile werden Teil einer Installation, die das Verhältnis von Mensch und Technik thematisiert.
Die Zukunft der Menschen, die bei Jack in the Box sind, ist oft unbestimmt. Manche finden eine Ausbildungs- oder Arbeitsstelle, berichtet Martin Schmittseifer. Viele bleiben dem Verein verbunden, schauen immer wieder mal vorbei, helfen bei Events aus – manche sind bis in den Vorstand aufgestiegen.
Unbestimmt ist auch die Zukunft von Jack in the Box. Die Immobiliengesellschaft aurelis hat das Gelände vor Jahren von der Bahn übernommen und will die Brache bebauen. Die Bezirksvertretung befürwortet dies – Köln braucht neue, günstige Wohnungen, auch und gerade in Ehrenfeld.
Martin Schmittseifer wünscht sich, auf dem Gelände bleiben zu können. Für die Hallen selbst sieht er wenig Chancen: „Wir sind weit weg von den Gleisen, hier ist es ruhig, das ist für Wohnungen natürlich ideal. Aber es kann gut sein, dass wir noch ein paar Jahre bleiben können.“ Er würde gerne am Eingang des Geländes eine neue Bleibe finden: „Das ist eh sehr nah an der Bahn und für Wohnen zu laut. Dort könnten wir unsere soziokulturellen Aktivitäten, wie Design- und Kunstausstellungen, fortführen und erweitern.“
Wenn alles gut geht, wird es also weiter experimentellen und kreativen Freiraum auf dem Güterbahnhofsgelände geben. Aber ob dort oder woanders, Samir Aleskerow ist sich sicher, dass Upcycling eine große Zukunft hat: „Der Mensch verändert sich. Die Konsumenten wollten immer nur neu-neu-neu aus Billigproduktion, aber die neue Generation wird wieder echte Sachen wählen.“

  • Text: Martin Herrndorf