Global

Vitaminspritze für Detroit

Wie sich die ehemalige Autostadt neu erfindet

Anders als in vielen Städten der Welt, hat sich das Urban Gardening in Detroit aus einer Notlage heraus entwickelt. Hier ist es nicht besonders hip, innerstädtisch zu gärtnern. In der ehemaligen Motor-City sind die Einwohner pragmatisch. Sie wollen satt werden und sich ein Stück Souveränität zurückerobern. Kartoffeln, Spinat, Tomaten, Bohnen und Radieschen gegen die Regression.

Detroit war mal die reichste Stadt Amerikas. Heute ist sie die Ärmste. In der Hochblüte von General Motors, Chrysler und Ford haben hier zwei Millionen Menschen gelebt. Das ist nur 50 Jahre her. Heute zählt Detroit noch knapp 700.000 Einwohner: Zwei von drei sind schon weg. Nichts erinnert mehr an sie, außer die vielen leeren Häuser mit ihren verwaisten Gärten. Detroit gleicht stellenweise einer Geisterstadt.

Der Niedergang hat mit dem Wegzug der Automobilfabriken begonnen. Danach hat man verschlafen, das Verschwinden der Industrie mit Arbeitsplätzen im Dienstleistungssektor aufzuwiegen. Wer also Arbeit braucht, sucht woanders sein Glück – nicht hier.

Und was ist mit jenen, die geblieben sind? Sie erleben hautnah, wie Detroit seine Geschichte verliert. Es droht der Identitätsverlust. Der Verfall zieht sich durch alle Lebensbereiche. Die Infrastruktur ist porös, löst sich auf – die Nahrungskette der Stadt ist bereits gerissen. Detroit ist eine food desert, eine Lebensmittelwüste. Weit und breit kein Supermarkt. Warum auch, wenn diejenigen, die dort leben, kaum Geld haben zum Einkaufen – rund Dreiviertel sind ohne Job.

Trash food gibt’s an Tankstellen und wenigen Eckläden. Wer aber frisches Obst und Gemüse will, der muss mehrere Meilen bis in die Vorstadt zurücklegen. Das geht nur mit dem Auto, denn Linienbusse fahren schon lange nicht mehr. Für viele ist der Weg zum Supermarkt kaum zu schaffen: Ein Drittel aller Detroiter besitzt nämlich gar kein Auto. Zu teuer.

Dennoch, Detroit bewegt sich. Um die prekäre Lebensmittelversorgung zu verbessern und frisches Obst und Gemüse auf die Teller zu bekommen, entstehen seit einigen Jahren urbane Nutzgärten. Zum Teil privat betrieben, zum Teil von Vereinen organisiert, werden Brachflächen zu Salatbeeten, zerfallene Fabrikgebäude zu Gewächshallen – der wirtschaftlich geschwächte Raum bietet Platz für Kreativität und Stadtlandwirtschaft.

auf den Trümmern der Industrie wächst die Hoffnung auf einen Neuanfang

Aus einer kleinen Bewegung ist mittlerweile eine kulturelle Revolution geworden. Detroits Obst- und Gemüsegärten sind die Vitaminspritze, die der Stadt und ihren Menschen wieder auf die Beine hilft. Dazu vernetzen sich die urbanen Landwirte in größeren Gemeinschaften. Eines der populärsten Projekte dieser Art ist Earthworks. Gegründet 1997, umfasst der Verein heute sieben Farmen in ganz Detroit. Seine Mitglieder kümmern sich um den Anbau von Kartoffeln, Spinat, Tomaten und vielem mehr – stets biologisch und ohne Einsatz von Chemie und Pestiziden. Außerdem bietet der Verein Kochkurse an, für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Tag für Tag verarbeiten die Farmers von Earthworks ihre Ernte zur eigenen Versorgung, dem Verkauf auf dem Wochenmarkt oder zu Spenden für Bedürftige.

Jeder kann sich den Gemeinschaftsgärten anschließen. Vereine wie Earthworks wollen das Urban Gardening stadtweit unterstützen und die Schaffung weiterer Gemeinschaftsgärten vorantreiben. Sie versorgen ihre Mitglieder mit Saatgut und bilden sie zu Stadtgärtnern aus. Denn am Ende soll sich jeder selbst mit lokalem Obst und Gemüse versorgen können. Zusätzlich werden Kinder und Jugendliche durch das Gärtnern über gesunde Ernährung aufgeklärt. Ganz nebenbei fördern die Urban Farmers mit ihrer Arbeit die Regenerierung des Bodens, nachdem die Automobilindustrie die Natur weitgehend zerstört hatte.

Das Gärtnern verhilft den Detroitern zu mehr Ernährungssouveränität. Es macht sie unabhängig vom trash food-Angebot vor Ort. Außerdem stärkt die gemeinsame Arbeit den sozialen Zusammenhalt. Angeblich ist die Kriminalitätsrate in Detroit mit dem Urban Gardening zurückgegangen. Belegen lässt sich das nicht.

Wie einst die Fabriken sind es heute die Gärten, die den Detroitern das Gefühl geben, dass ihre Heimat eine Zukunft hat. Im Stadtgebiet gibt es schon über 1.000 Gemüsefarmen; viele sind als Sozialprojekte organisiert. Zusammen produzieren sie rund 170 Tonnen Nahrungsmittel pro Jahr. Das reicht zwar noch nicht, die Stadt vollständig zu versorgen, aber die Gärten können zumindest zur gesunden Ernährung beitragen. Aktuell sind noch rund 20 Quadratkilometer Land innerhalb der Stadt ungenutzt.

Nach und nach wird sich Detroit zur wahrscheinlich grünsten Stadt der Welt entwickeln. Vielleicht lockt die neu gewonnene Lebensqualität Menschen von außerhalb wieder dorthin. So oder so: Ohne es zu ahnen, haben die Detroiter eine Modellstadt entwickelt, die viele Nachahmer finden wird. Und auf den Trümmern der Industrie wächst die Hoffnung auf einen Neuanfang.

  • Text: Thomas Meurer