Regional

Augen auf, Mund auf

Eine Internetplattform bringt uns die Früchte unserer Umgebung näher

Jeden Tag verfaulen in Deutschland unnötig Früchte. Die Rede ist hier allerdings nicht von unseren Mülltonnen, Kühlschränken und Supermarkt-Hinterhöfen – sondern von Wiesen, Wegesrändern, Parks. Lange Zeit hat sich niemand Gedanken darüber gemacht: Tonnen an Obst verkommen allein deshalb, weil niemand es aufsammelt, weil es niemandem gehört, weil niemand davon weiß. Die Online-Plattform Mundraub sorgt dafür, dass sich das ändert.

Mundraub, das meint ursprünglich den Diebstahl von Verbrauchsgütern, darunter auch Nahrungsmitteln. Katharina, Kai, Justin, Mirco und Daniel haben das unzeitgemäße Wort für ihre Zwecke reaktiviert. Die fünf sind Gründungsmitglieder der Internetplattform mundraub.org. Eine bunte Karte zeigt hier Obstbäume oder -sträucher an, die allen zugänglich sind – weil sie niemandem gehören, in Vergessenheit gerieten oder von ihren Besitzern nicht komplett abgeerntet werden können. Die Seite lebt von ihren Nutzern, den Sammlern und Pflückern; jeder kann hier Orte eintragen, an denen Früchte, Beeren und Co. ohne schlechtes Gewissen geerntet werden dürfen. Da gibt es zum Beispiel Walnussbäume an der Inneren Kanalstraße, Holunder nahe der Nußbaumerstraße, Apfelbäume am Ehrenfeldgürtel. Mundräuber lernen ihre Umgebung neu kennen, das wird schnell klar. Aber das Gratis-Obst hat noch andere positive Nebeneffekte. Sammler erfahren vieles über die Nahrungsmittel, ihre Herkunft und Wuchsbedingungen. Auch alte, selten gewordene Obstsorten können wiederentdeckt und erhalten werden. Und frische Luft hat natürlich auch noch niemandem geschadet.

Den Anstoß zur Plattform gab eine Paddeltour in Sachsen-Anhalt. Am Ufer fiel Katharinas Blick auf die vielen übervollen, offensichtlich herrenlosen Obstbäume. Das warf Fragen auf: Was passiert mit all den Früchten, die dort vor sich hinrotten? Und warum nicht einfach ernten, statt aus dem Supermarkt Obst aus Übersee oder dem Gewächshaus mitzubringen – und dafür auch noch zu bezahlen? Das war 2009. Die Idee zu mundraub.org war geboren.

Obst als Medium zur Kommunikation

Schon kurz nach der Gründung ging es turbulent zu, denn gleich der erste Beitrag im Deutschlandradio löste eine mediale Lawine aus. Die unterschiedlichsten Medien interessierten sich auf Anhieb, ganz ohne Zutun der Gründer – und schrieben praktischer Weise gleich voneinander ab.

Sicherlich war Glück dabei, und auch das richtige Timing mag eine Rolle gespielt haben, aber das „Mundräubern“ trifft vor allem den Nerv der Zeit. Die Initiatoren fühlen, dass sich in der Gesellschaft allmählich ein neues Bewusstsein für Lebensmittel und für die Natur seinen Weg bahnt; nicht allein, aber auch wegen Mundraub. „Viele sagen, dass sie durch mundraub.org einen neuen Blick auf ihre Umgebung bekommen haben.“ Genau das wünschen sich die Macher. „Mundräuber“ sollen die Natur und Kulturlandschaft um sich herum wiederentdecken, Spaß an der Lebensmittelkunde finden und sich auf regionale Waren rückbesinnen. Gedanken über Nachhaltigkeit und Schutz stellen sich dann ganz von alleine ein, glaubt Mitbegründer Mirco. Der erhobene Zeigefinger ist weniger ihr Ding.

Inzwischen gibt es über 10.000 Einträge auf der Karte, bunte Piktogramm-Sprengsel mit Kirschen, Kräutern, Mirabellen. Mehr als die Hälfte der Einträge markieren Obstbäume, am häufigsten Apfelbäume. Fast schon erscheint mundraub.org als Selbstläufer, aber nach wie vor steckt viel ehrenamtliches Engagement dahinter. Und Katharina, Kai, Justin, Mirco und Daniel haben noch mehr Ideen im Kopf. Denn sie wollen nicht nur diejenigen erreichen, die sich ohnehin für nachhaltige Ernährung interessieren, eine gesunde Lebensweise pflegen, gerne Obst einmachen und oft an der frischen Luft sind, sondern auch alle anderen. Eine App schwebt ihnen vor und sie möchten ihre Seite international bekannt machen. Eine ihrer Ideen haben sie bereits umgesetzt: das Mundräuber-Handbuch. Darin finden sich auch die Regeln zum Sammeln etwas ausführlicher als auf der Homepage. Natürlich soll nur für den Eigenbedarf gesammelt werden, also in Maßen und die Besitzrechte müssen geklärt sein. Die Bewegung fußt auf Umsicht und Kommunikation. Ja, Mirco sieht Obst gar als Medium zur Kommunikation. Man muss bloß die Augen offenhalten und aufeinander zugehen. Oder, wie Mirco anschaulich beschreibt: einfach anklingeln und fragen, wenn man unterwegs einen üppigen Kirschbaum entdeckt. Probleme und Beschwerden gebe es kaum, „gefühlte ein Prozent“ sind es, in denen unrechtmäßig gesammelt wird oder Besitzer sich vor den Kopf gestoßen fühlen. Wie oft ziehen die Gründer selbst noch los? „Zu selten“, gibt Kai zu, „neuerdings aber wieder öfter!“ Öfter, das heißt ungefähr zehnmal im Jahr. Anschließend gibt es dann Obst- oder Wildkräutersalat. Wenn sie die Ausbeute nicht gleich an Ort und Stelle aufessen.

  • Text: Maren Lupberger
  • Foto: www.mundraub.org