Im Interview

An die Schaufel, fertig, los!

Antonia und Kasia Stamm im Interview

Das Stadtleben bietet viele Vorteile oder wie Kasia es so schön formuliert: ob um die Ecke einkaufen, spontan ins Kino gehen oder kurz eine Runde vor dem Kiosk plaudern, Ehrenfeld macht es möglich. Dafür nehmen sie und ihr Mann in Kauf, weniger naturbezogen zu leben. Ihre Tochter Antonia und sie gärtnern stattdessen im Gartenbahnhof Ehrenfeld und freuen sich auf die gemeinsame Ernte im Gemeinschaftsgarten.
Wir wollten in Erfahrung bringen, was die beiden am Urban Gardening begeistert und was es vor allem für Kinder bedeutet, zu ernten, was sie selbst gesät haben.

Die selbstgezogene Sonnenblume beschäftigte Antonia jedenfalls sehr. „Gibt es denn größere Sonnenblumen als Menschen?“, fragte sie ihre Mutter während unseres Besuches. Diese entgegnete, dass die Blumen, wenn sie viel Sonne bekommen, ganz groß werden können. Betrübt stellte Antonia fest, dass ihre Sonnenblume noch nie draußen war. Wie sollte sie da groß werden? Darum überlegten sie und ihre Mutter, die Blume im Gemeinschaftsgarten einzupflanzen und sie dort ganz oft zu besuchen. Antonia hatte auch Ideen, was man das nächste Mal im Garten machen könnte: Das Beet bepflanzen und Namensschilder für die Pflanzen basteln. Auf die Frage ihrer Mutter, ob sie sich denn auch andere Namen für die Pflanzen ausdenken würde, reagierte Antonia mit einem begeisterten „Ja“. Ihre Sonnenblume heißt jetzt übrigens Eleanor.

Für unser Frage-und-Antwort-Spiel konnte Antonia allerdings weitaus weniger Begeisterung aufbringen als für ihr Piratenschiff. Und, Hand aufs Herz, wer von uns hätte sich im Alter von fünf Jahren nicht für das Piratenschiff entschieden? Bei ihrer Mutter hatten wir mehr Glück, sie hat alle unsere Fragen gerne beantwortet.

Seit wann gärtnerst Du mit Antonia? 

Antonia und ich waren letztes Jahr bereits beim Gemeinschaftsgarten dabei. Ich war schon vorher im anderen Gärten, aber ohne Antonia. Dort haben die Kinder miteinander gespielt und hatten erst nicht so ein riesiges Interesse am Gärtnern an sich. Was darum herum passiert, hat sie aber schon interessiert, zum Beispiel, dass es Gefäße mit Wasser gibt und man gießen kann. Spannend war für die Kinder auch, dass man nachher ernten kann.
Mir ist wichtig, dass Antonia den Ursprung der Pflanzen kennenlernt. Das mit der Sonnenblume war sehr schön, weil sie nach drei Tagen schon gekeimt hat, da war Antonia direkt happy. Indem ich ihr den Zugang dazu biete, möchte ich meiner Tochter eine Art von

DEN GARTEN GESTALTET MAN GEMEINSAM

Lebensphilosophie, die das Gärtnern mit sich bringt, vermitteln. Ich zeige ihr dabei nur eine Option. Was sie daraus macht, bleibt offen. Ich selbst hatte als Kind keine Lust auf Garten. Meine Eltern hatten einen Schrebergarten und ich musste immer mit, zum Pflücken von Johannisbeeren oder Unkraut jäten. Ich habe das Gärtnern eher mit etwas Lästigem in Verbindung gebracht.

Heute geht es mir nicht ums Gärtnern als individuelle Produktion, sondern um die Gemeinschaft. Es macht Antonia Spaß, dass da manchmal andere Kinder sind oder dass sich Erwachsene Zeit nehmen, um ihr etwas zu zeigen. Die Kinder kommen schnell in Kontakt miteinander. Mir scheint es, als wenn sie innerhalb von zwei Sekunden anfangen miteinander zu spielen.

Ist das Gärtnern etwas, das auch im Kindergarten eine Rolle spielt? 

Bei uns im Kindergarten gibt es Blumen im Atrium. Die Erzieherinnen haben mit den Kindern auch Tomaten und Salat eingepflanzt. Sie konnten das dann zum Essen dazu nehmen. Es existiert dort aber keine intensive Parzelle, die mit Kindern gemeinsam betreut wird. Es gibt allerdings viele solche Projekte. Manche Schulen haben einen Schulgarten. Das ist auch eine schöne Sache.

Urban Gardening ist sehr im Kommen. Wie Du schon sagtest, Schrebergärten gibt es schon sehr lange. Aber sie haben einen anderen Charakter. 

Ja, aber es hat sich in den letzten Jahren auch viel geändert. Es ist nicht mehr so streng wie früher und die Schrebergärten sind interkultureller geworden. Ich glaube, sie sind wie die Gesellschaft mittlerweile sehr vielfältig.

Hinter einen Gemeinschaftsgarten steckt aber eine andere Philosophie, oder? 

Natürlich, man teilt sich die Aufgaben und die Ernte und den Garten gestaltet man gemeinsam. Ein eigener Garten wäre keine Alternative für mich. Ein Garten bedeutet viel Arbeit, das läuft nicht nebenbei. Das Schöne am Gemeinschaftsgarten ist für mich als berufstätige Mutter, dass ich kein schlechtes Gewissen haben muss, weil ich zwei Wochen nichts getan habe. Ich weiß, es gibt Leute, die öfter da sind. Und wenn ich vorbeikomme, kann ich mit anpacken.

Wie geht ihr auf die Bedürfnisse eurer kleinen Gärtner ein? 

Wir bilden gerade eine Kindergruppe, die als Peer-to-peer-Gruppe gedacht ist. Es ist eine offene Gruppe und jeder kann Ideen einbringen und einen Termin übernehmen. Wir machen das einmal pro Monat. Das soll keine große Verpflichtung sein, sondern organisch wachsen, wie alles im Garten. Bis jetzt haben wir eine Pflanzentauschbörse veranstaltet, Schildchen gebastelt und Pflanzenkisten bemalt. 

Haben Kinder Lieblingspflanzen?

Die Kinderpflanzkästen sind niedriger, damit auch die kleineren Kinder die Pflanzen sehen können. Das nächste Mal werden wir die Kisten mit Erde befüllen, vorgezogene Pflanzen einpflanzen und säen, was man jetzt noch säen kann. Die Kinder haben dann etwas, wofür sie Verantwortung übernehmen. Ende Juni wollen wir kleine Instrumente aus Recyclingmaterial bauen. Und dann haben wir einen Workshop über Bienen.

Wir wollen im Garten auch Leute mit verschiedenen Kompetenzen ansprechen, ob sie für die Kinder etwas anbieten. Es ist auch wichtig, dass das unterschiedliche Leute machen, weil es als selbstorganisierende Gruppe gedacht ist. Es geht darum, daran Spaß zu haben und es gerne für mein Kind zu machen. Ich habe vielleicht nicht so viel Zeit, wie ich gerne hätte. Ich kann nicht über das ganze Jahr kontinuierlich ein Programm anbieten, aber hin und wieder schon. Kinder und Eltern sind willkommen, aber auch diejenigen, die Lust haben, etwas für Kinder anzubieten oder uns zu unterstützen.

So wie Antonia eingangs erzählt hat, was sie machen möchte, kann man mit Kindern darüber sprechen, was sie gerne säen würden. Und hoffentlich können wir auch mal zusammen essen.

Haben Kinder eigentlich Lieblingspflanzen? Gibt es Pflanzen, bei denen schnelles Wachstum zu beobachten ist oder welche Kinder besonders begeistern? 

Erdbeeren kommen immer gut an. Brennnessel ist sehr spannend, weil es auch etwas Gefährliches hat. Sonnenblumen sind ebenfalls dankbar, Blumen jeglicher Art sind beliebt. Radieschen und Kartoffeln sind auch gut geeignet.

Wie aufs Stichwort kommt Antonia herein und ihre Mutter fragt sie, ob es im Garten eine Pflanze gibt, die sie besonders gerne mag. „Ich glaube schon“, kommt es erst zögerlich, aber im Grunde gibt es dann doch keine Zweifel. Nach einer kurzen Bedenkpause kann es nur eine Antwort geben: „Erdbeere!“.
Und schon ist Antonia auch wieder weg, schließlich gibt es Wichtigeres, als zwei Erwachsenen beim Gespräch zuzuhören.

Würdest Du sagen, dass man selber anfängt, darüber nachzudenken, woher die Lebensmittel kommen, die man einkauft? Ist das auch ein Thema für Kinder? 

Es wird immer erzählt, dass die Stadtkinder denken, das Gemüse kommt aus dem Laden. Aber ich glaube, dass Kindern bewusst ist, dass Gemüse und Obst Pflanzen sind. Auch wenn sie nicht auf den Bauernhof aufwachsen, bekommen sie doch vermittelt, was auf dem Bauernhof erzeugt wird.
Wenn ich in der Eifel bin, dann spüre ich die Natur mit allen Sinnen. Wenn ich auf eine urbane Fläche gehe und da Kisten aufstelle, habe ich immer noch nicht die Naturerfahrung. Daher würde ich den Anspruch nicht stellen wollen, dass ich Antonia dadurch naturnah erziehe.
Spannend ist beim Gärtnern, dass man stolz auf das ist, was man erwirtschaftet hat und dass der Geschmack anders ist und man denkt: Ist das lecker!

Wir finden, das macht Lust auf selbstgezogenes Gemüse und urbanes Gärtnern, egal in welchem Alter! Vielen Dank für das anregende Gespräch!

  • Text: Monika Hogrefe
  • Fotos: Bozica Babic