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Hilfe für Tansanias verwaiste Omas

HelpAge International kümmert sich explizit um die Belange der Alten

In Afrika sind Großmütter das wichtigste Glied für den Zusammenhalt von Familie und Gesellschaft. Wenn ihre eigenen Kinder durch die Aids-Folgen oder Emigration als produktive Generation ausfallen, übernehmen sie die Betreuung der Enkelkinder. Zwei von ihnen sind Aurelia und Felista – sie teilen das Schicksal der verwaisten Senioren.

Der einstige Generationenvertrag, wonach die Kinder die Großeltern finanziell und materiell unterstützen, ist ungültig. In Tansania, wo das HIVirus 2003 besonders wütete und die Generation der 20- bis 40-Jährigen ausdünnte, sind es die Alten, die die Last tragen. Es gibt tausende Fälle wie die von Aurelia und Felista – Großeltern, die oft unter körperlichen oder psychischen Belastungen ihre Enkel großziehen. Eine staatliche soziale Grundsicherung gibt es nicht, und auch humanitäre Hilfe für die Nöte und Sorgen der Senioren ist die Ausnahme.

Auf dem Höhepunkt der Aids-Krise in Tansania wurde in der Region Kagera die Organisation Kwa Wazee ins Leben gerufen. Kwa Wazee ist Kisuaheli und bedeutet übersetzt „für alte Menschen“. Zunächst als Krisenintervention mit Renten- undKindergeld-Zahlungen initiiert, wurde hieraus ein Programm zum Schutz und zur gesundheitlichen Stärkung alter Menschen im ländlichen Tansania. Auch Aurelia und Felistas profitieren seit einigen Jahren von der Unterstützung durch das Projekt. Sie erhalten monatlich eine Rente von umgerechnet 7,50 Euro und den gleichen Betrag für das zu versorgende Enkelkind. Die regelmäßigen Zahlungen geben ihnen Sicherheit.

HelpAge macht Alte stark

— Lutz Hethey

Die Barzahlungen sind allerdings nur ein Teil des Projektes, wie Lutz Hethey, Geschäftsführer von HelpAge Deutschland e.V., erläutert. Hethey unterstützt Kwa Wazee von Osnabrück aus, akquiriert Spenden und ist häufig in Tansania, um den Fortschritt des Projektes zu begleiten. „Durch das Geld steigern die Frauen ihr Selbstwertgefühl, sie müssen nicht mehr betteln und keine Notverkäufe mehr vornehmen. Außerdem können sie sich vielseitiger ernähren und haben einen besseren Zugang zur Hygiene.“ Die Vollwaisen, die bei ihren von Kwa Wazee unterstützten Großmüttern aufwachsen, haben zudem bessere Ausbildungschancen, wie ein Bericht zum Projekt bestätigt. Wer die Rente von Kwa Wazee bezieht, muss mindestens 65 Jahre alt sein, gesundheitlich geschwächt und ohne großen Besitz sein und darf über keine familiäre Absicherung verfügen.

Die ursprüngliche Zweckgemeinschaft zwischen Enkelkindern und Großeltern sei nicht nur Bürde, sondern auch Chance, erklärt Hethey. Denn in dem Generationenhaushalt reifen die Kinder schneller, lernen von ihren Großmüttern beispielsweise zu kochen und Geflügel oder Ziegen zu halten, was sie wirtschaftlich autonomer mache. Hinzu kommt die Aufklärungsarbeit durch Kwa Wazee, die die Alten direkt anspricht, damit diese als Multiplikatoren agieren; dank besserer Versorgung mit Medikamenten zur Behandlung von HIV nimmt die Zahl der Waisen in Tansania seit wenigen Jahren ab.

Dass die Großmütter durch die Renten abhängig werden von der Hilfsorganisation, kann Hethey nicht teilen. „Das Gegenteil ist der Fall. Nicht nur werden bestehende Netze, zu Nachbarn beispielsweise, eher gestärkt, sondern es eröffnen sich auch neue Netzwerke der Selbsthilfe und der gegenseitigen Unterstützung.“ Viele der Alten schließen sich zu Nachbarschaftsgruppen zusammen, um gemeinsam zu sparen und sich beim Bewirtschaften von Land die Arbeit zu teilen. „So wird die Selbsthilfe und die Selbstorganisation alter Menschen bewusst gefördert“, erzählt Hethey.

Die Stärkung der alten Frauen in Tansania ist für Hethey eine der größten Errungenschaften von Kwa Wazee. „Frauen wie Aurelia und Felista haben ein Gesicht bekommen.“ Außerdem ist es HelpAge International gelungen, die universelle Altersrente in Tansania in die nationale Politik zu bringen. Seit 2018 läuft dazu ein Pilotprojekt in Sansibar, dem halbautonomen Teilstaat. Für Hethey ist es nur eine Frage der Zeit, bis diese Grundsicherung für alte Menschen in ganz Tansania greift.

  • Text: Thomas Meurer
  • Foto: Andreas Landwehr