Im Interview

Ehrenfelder mit Leib und Seele

Hajo Felser im Interview

Dass Hajo Felser Zeit für ein Interview mit uns hatte, ist schon beachtlich: Immerhin hat der 74-jährige Ehrenfelder einen straffen Zeitplan: Er ist im Kirchenvorstand tätig, Präsident und musikalischer Leiter einer Seniorensitzung, singt und musiziert mit Kindern, repariert Zäune im Eifelzoo und arbeitet freiberuflich als Unternehmensberater. In seiner Freizeit singt er in einem Kölsch-Chor, unternimmt E-Bike-Fahrradtouren in den Alpen oder fährt mit dem Zug zu seinen Enkelkindern nach Baden-Baden. Haben wir etwas vergessen? Im Interview erfahren Sie mehr über den Mann, der seit 74 Jahren in Ehrenfeld wohnt und der mit Menschen im Alter von „3 bis 99 Jahren” zu tun hat.

Wie sah das Ehrenfeld Ihrer Kindheit aus?

Ich wurde schon als Baby bei Fliegeralarm in den Bunker in der Körnerstraße gebracht. Meine Eltern hatten in der Körnerstraße Ecke Stamm-straße eine Kohlenhandlung. Früher gab’s hier noch viele Kneipen und Gaststätten, die mit Koks, Kohlen und Briketts beliefert wurden. Kennen Sie Briketts?

Ich kann mir etwas darunter vorstellen, aber genau weiß ich nicht, wie sie aussehen!

Die haben eine bestimmte längliche Form und sind stapelbar. Die Leute wollten natürlich, dass jemand die Briketts ordentlich aufstapelt. Wenn sie es nicht selbst gemacht haben kam der ‘Klütte-Jung’, das war ich. Ich verdiente mir so ein paar Mark für’s Aufstapeln dazu und war danach schwarz bis in alle Ritzen.

Wie sah es hier in den Straßen früher aus?

Nach dem Krieg war ja viel kaputt - da haben wir als Kinder in den Trümmern gespielt, das waren für uns Abenteuerspielplätze. In den Häusern auf der Körnerstraße und Umgebung gab es keine Toiletten oder Duschen in den Wohnungen, sondern es gab auf der halben Etage eine Toilette im Flur.

Heute gibt es viele hippe Läden und Cafés in der Körnerstraße – an welche Geschäfte aus ihrer Kindheit können Sie sich noch erinnern?

Das Café Sehnsucht in der Körnerstraße 67 war früher ein Lebensmittelgeschäft, ein Tante Emma Laden – direkt neben dem Haus meiner Eltern. Damals gab es ja auch noch viel weniger Autos – wir Kinder haben auf der Straße Fußball gespielt und sind Rollschuh gefahren. Dass all diese Läden leer standen, ist noch gar nicht so lange her – vielleicht 20 Jahre.

Die Anonymität in der Stadt war stark, aber es Bewegt sich gerade wieder in die richtige Richtung

Wie hat sich das Leben zwischen Jung und Alt im Viertel verändert?

Da muss ich jetzt einen Sprung 50 Jahre zurück machen. Da haben die Leute auf der Straße zusammen gesessen. Jeder kannte jeden – das ist meiner Meinung nach verloren gegangen. Alles wurde anonym, ich kenne in meinem Haus viele Nachbarn vom Sehen her, aber wenn Sie mich fragen, mit wie vielen ich schon gesprochen habe? Vielleicht mit drei oder vier Bewohnern. Das ist doch blöd. Aber ich glaube, das ändert sich immer mehr. Bisher hat einfach das Angebot gefehlt, die Menschen zusammenzuführen.

Was fehlt Ihrer Meinung nach genau?

Es gibt nur noch wenig klassische Eckkneipen, in denen sich die Leute auf ein Feierabendbier treffen. Früher war das anders, da gab’s viele solcher Kneipen, das waren Kommunikationsorte. Die sind jetzt eigentlich komplett weg. Durch diese vielen kleinen netten Cafés, die immer mehr kommen, glaube ich, wird das aber immer besser. Das einzige Problem ist: Menschen in meinem Alter sind schwer dorthin zu bewegen. Da müsste man sich wirklich selbst in den Hintern treten und dort mal einen Kaffee trinken. Ich mache das hin und wieder, weil ich neugierig bin. Junge Menschen gehen eher in Szenekneipen. Beim Hemmer ist das zum Beispiel noch anders: Da trifft man alle Generationen. Oder im Forum von der Pfarrei, da kommen auch Mütter mit kleinen Kindern hin. Das Café Sehnsucht ist auch so ein Ort. Hier geht meine Schwester, die zwei Jahre jünger ist als ich, auch noch manchmal hin, um die Erinnerung aufleben zu lassen. Solche Orte würde ich mir mehr wünschen.

Es gibt ja auch das BüZe, den Tag des guten Lebens und andere Initiativen, die das nachbarschaftliche Leben fördern.

Das ist auf jeden Fall ein guter Weg. Vor fünf Jahren, war der Tag ja auch hier im Viertel. Da habe ich einfach das Akkordeon mitgenommen und wir haben vor der Bäckerei Ecke Leostraße/Christian-Schult-Straße musiziert. Wir sind in diesem Jahr auch wieder mit dabei, in der Marienstraße. Ich finde es gut, wenn die Gelegenheit geboten wird, auf diese Art und Weise ins Gespräch zu kommen. Wenn Veranstaltungen wie der Tag des guten Lebens dazu beitragen, ist doch schon wieder was gewonnen!

Gibt es Ihrer Meinung nach Generationenkonflikte?

Ich glaube, dass sich die Generationen eher wieder annähern. Die Anonymität in der Stadt war stark, aber ich denke, dass es sich gerade wieder in die richtige Richtung bewegt. Dass wir beide uns unterhalten können. Oder irgendwo draußen im Café mal ein Gespräch mit jemand anderem zu führen, das ist jetzt plötzlich möglich.

Sie meinten ja im Vorfeld, dass sie Kontakt zu allen Menschen haben – von 3 bis 99 Jahren: Inwiefern haben Sie mit Kindern zu tun?

Ich gehe alle 14 Tage in den Kindergarten und singe mit den Kindern. Oder ich nehme beim Sommerfest das Akkordeon mit und wir singen draußen zusammen. Es ist wunderbar, mit Kindern zu arbeiten. Wenn die mich auf der Straße sehen, rufen Sie ‘Hallo, Herr Felser’. Die kennen mich alle.

Was denken Sie über die jungen Menschen von heute? Viele engagieren sich für Klimaschutz oder gehen demonstrieren.

Ich finde die Jugendlichen von heute mutiger. Ich glaube wir hätten uns damals nicht getraut, einen Tag die Schule zu schwänzen. Ich find’ das gut. Denn eines ist klar: Es ist 5 vor 12. Das ist immer so abgetan worden – aber Klimaschutz ist doch ein total wichtiges Thema. Ich bin früher beruflich auch viel Auto gefahren. Heute beschränke ich meine Autofahrten nur auf die nötigsten. Alles andere mache ich mit dem Fahrrad.

Was haben Sie beruflich gelernt?

Ich habe eine Ballettausbildung. Ich habe sieben Jahre als Tanzoffizier bei der Bürgergarde Blau-Gold getanzt. Danach habe ich 20 Jahre lang im Ballett an der Oper der Stadt Köln Solorollen übernommen, bei der Cäcilia Wolkenburg, das ist die Spielgemeinschaft innerhalb des Kölner Männer-Gesang-Vereins.

Das hört sich zeitintensiv an. Haben Sie das hauptberuflich gemacht?

Nein. Ich frage mich heute auch manchmal, wie man das so nebenher mit dem Beruf vereinbaren konnte. Beruflich habe ich was ganz anderes gemacht. Ich komme aus der Lackindustrie und habe als Lieferant für die Automobilindustrie gearbeitet. Ich war in ganz Europa unterwegs. Das war nicht immer leicht, denn ich wollte natürlich auch meinen Sohn aufwachsen sehen. Er ist mittlerweile selbst Vater von zwei Söhnen. Sie leben leider 340 km südlich von Köln. Ich möchte gern noch erleben, wie die Enkel in die Schule kommen, aber da bin ich zuversichtlich: Ich habe ja versprochen, 99 Jahre alt zu werden! Ich rauche nicht, fahre Fahrrad und habe immer viel zu tun – das hält fit.

Dann waren Sie ja immer viel unterwegs. Was verbinden Sie mit Ehrenfeld?

Die Kindheit hier verlebt zu haben, ist einfach toll. Es gibt viele andere schöne Stadtteile, aber ich bin hier in Alt-Ehrenfeld, wie ich es nenne, zu Hause. Ich bin sehr heimatverbunden – tja, so is ett.

Es ist Wunderbar, mit Kindern zu arbeiten

Wir haben im Vorfeld per E-Mail unseren Termin ausgemacht – ich kenne Menschen in Ihrem Alter, die sich mit Smartphones und allem „Digitalen” nicht mehr beschäftigen wollen. Bei Ihnen scheint das anders zu sein?

Ja, ich bin bei Whatsapp und schreibe Mails. Für Facebook bin ich aber nicht zu haben. Da werden manchmal unsinnige Dinge verbreitet, bei Whatsapp ja auch, da habe ich mich schon aus mancher Gruppe wieder abgemeldet. Ich habe hier in meiner Wohnung auch ein komplett eingerichtetes Büro.

Eine Anekdote am Rande des Interviews: Herr Felser kannte den veedelfunker nicht und war sehr entrüstet darüber.

Ich wundere mich, dass ich die Zeitschrift noch nie gesehen habe. Ich habe mich nach der Interviewanfrage aber natürlich im Internet schlau gemacht und werde mich auf jeden Fall aktiv dafür einsetzen, dass das Heft ab der nächsten Ausgabe an zusätzlichen Stellen ausliegt.

Darüber würden wir uns natürlich sehr freuen! Vielen Dank für das Gespräch und Ihr Engagement für Menschen jeden Alters – wir freuen uns, wenn der veedelfunker ein Magazin für alle Generationen ist.