Lokal

Ehrenfelds kulinarische Revolution

Vom Ehrenfelder Honig bis zur Food Assembly: Ehrenfeld ist vorne mit dabei!

In Ehrenfeld bleibt niemand hungrig – vielfältig wie wohl in keinem anderen Kölner Stadtteil ist das Angebot, auf der Venloer Straße und in den Seitenstraßen. Von der Dönerbude bis zur schicken Pizzeria, vom veganen Thai bis zur Rievkooche-Bud, Ehrenfeld hat was für jeden Geschmack.

Doch auch auf einer anderen Ebene gibt es eine neue Lust am Essen: Viele Menschen wollen nicht mehr nur lecker essen, sondern ihre Lebensmittel auch selber anbauen. „Von der Scholle auf den Teller!“, ist das neue Motto. Und auch wenn das nicht immer geht, wollen zumindest viele wissen, wo ihre täglichen Nahrungsmittel denn nun eigentlich herkommen.
Dies hat auch mit den wiederholten Lebensmittelskandalen zu tun – mit Dioxin in den Eiern, Pferdefleisch in der Lasagne oder schlechten Mastbedingungen. Und für viele ist bereits der Normalzustand ein Skandal: Lebensmittel werden mit Pestiziden und großen, energiefressenden Landmaschinen aufgebaut, mit Lastern quer durch Europa oder die Welt gefahren, mit Zusatzstoffen aufgepeppt und weiterverarbeitet und am Ende manchmal trotzdem wegen abgelaufener Haltbarkeitsdaten weggeschmissen.
Und die Alternativen sterben aus: Viele kleinbäuerliche Betriebe haben in den letzten Jahren aufgegeben, weil sie dem Preisdruck durch Discounter und der industriellen Landwirtschaft nicht standhalten konnten.

Selber anbauen!
Doch es geht auch anders. Direkt aus Ehrenfeld kommt zum Beispiel Honig! Die Bienenstöcke der beiden Hobbyimker hinter der Marke Ehrenfelder Honig stehen in einem beschaulichen Schrebergarten zwischen Subbelrather und Herkulesstraße. Die Großstadtbienen finden in den angrenzenden Gärten oder im nahen Grüngürtel genügend Blüten. Geschleudert und abgefüllt wird in einer gemeinsam genutzten Imkerküche. Wer den Ehrenfelder Honig probieren möchte, muss in den Schrebergarten kommen.
Auch gegärtnert und geerntet wird in Ehrenfeld. Zum Beispiel in einem der zahlreichen Schrebergärten hinter dem Blücherpark oder auf dem Gelände vom alten Güterbahnhof. Wer selbst keinen Garten hat, kann sich die Finger zum Beispiel beim Gartenbahnhof dreckig machen – zur Belohnung darf man sich frischen Salat mit nach Hause nehmen.
Auch in der SoLaWi, einer Solidarischen Landwirtschaft, wird gemeinsam angebaut. Wer will, kann gegen einen Monatsbeitrag Mitglied werden – die Gruppe baut gemeinsam auf einem Acker in Widdersorf Gemüse an. Eine Gärtnerin übernimmt zum größten Teil die Pflege des Feldes – natürlich mit Unterstützung durch das SoLaWi-Kollektiv. Nächstes Jahr soll es eine Kooperation mit einem weiteren Bauern geben.

Oder direkt kaufen.
Aber nicht jeder kann oder will gärtnern, und nicht alles lässt sich selbst erzeugen – spätestens bei Milch und Käse (oder Tofu) wird dies schwierig. Bisher waren Kunden auf Super- und Wochenmärkte angewiesen. Doch auch beim Angebot auf dem Markt kommt vieles vom Großhändler – und wurde zuvor quer durch Europa transportiert.
Ändern will das die Food Assembly. Hier kommen Bauern in die Stadt und bringen genau das an Gemüse, Obst, Fleisch oder Milchprodukten mit, was Konsumenten vorher bei ihnen im Internet bestellt haben. Entwickelt wurde das Modell in Frankreich, vor gerade einmal zwei Jahren. Dort werden mittlerweile 200.000 Kunden an 400 Abholstationen beliefert.

Von der Scholle auf den Teller!

In Ehrenfeld soll es im Herbst losgehen. Anfang Juli gab es bereits einen Probiertag – mit Fleisch von der Sieg, Wein aus Rheinhessen und Gemüse von Bauernhöfen rund um Köln. Mit dabei war auch Gemüse Frings aus Mechernich, die 40 Tomatensorten anbauen, darunter riesig-saftige, gelbe Ananastomaten, wulstig-knallrote Costoluto Genovese oder die schmal-elegante Florette. Die Besucher ließen sich vom Ehepaar Frings mit Begeisterung anstecken, probierten eifrig aus und freuen sich, einen Weg aus dem Supermarkt-Einerlei gefunden zu haben.
Beim Probelauf waren 150 Besucher vor Ort – online haben sich bereits fast 350 Mitglieder registriert und warten darauf, ihre erste Bestellung abzugeben. Momentan wird das Bezahlsystem abschließend überarbeitet und in Berlin getestet. Im Herbst soll es dann auch in Ehrenfeld losgehen mit frischem Gemüse und dem gemütlichen Plausch mit den Bauern.

Wegwerfen ist nicht!
Und selbst, wer nach dem Kochen und Essen noch Lebensmittel übrig hat, kann diese loswerden. Denn auch beim „Foodsharing“, dem Teilen von Lebensmitteln, die sonst weggeworfen würden, ist Ehrenfeld vorne mit dabei. Supermärkte und kleine Gemüseläden, wie der am Lenauplatz, beteiligen sich und geben das, was keine Kunden mehr findet, an die ehrenamtlichen „Foodsaver“ ab. Die platzieren es dann in „Fairteilern“ wie dem im Allerweltshaus, wo sich jeder bedienen kann.
Auch Privatleute können ihr Essen über die Foodsharing-Seite teilen und selber Gemüse in die „Fairteiler“ legen. Vielleicht sogar selbst angebautes, wenn einem die Zucchini im eigenen Garten über den Kopf gewachsen ist.

  • Text: Martin Herrndorf
  • Foto: Semjon Mooraj