Im Interview

Treffpunkt Änderungsschneider

Nuri Andaç im Interview

In der Keplerstraße 3 kriegt man immer Tee. Umsonst. Und eine herzliche Umarmung obendrein. In Nuri Andaçs Änderungsschneiderei ist jeder willkommen, egal zu welcher Uhrzeit und mit welchem Anliegen. Das durften wir selbst erleben, als wir ihn zum Interview baten. Die wenigen Quadratmeter hinter dem Schaufenster sind Nuris Reich, das allen offensteht. Eine Nähmaschine gibt es hier selbstverständlich – wenn Nuri daran arbeitet, blickt er aus dem Schaufenster – und Garnrollen in allen Farben.

Auch eine deckenhohe Umkleidekabine mit rotem Samtvorhang. Irgendwo aus dem hinteren, nicht einsehbaren Teil des Ladenlokals zwitschern Wellensittiche und hinter dem seitlichen Tresen hängen mannigfache Kleidungsstücke auf einer langen Stange. Ein Meister, wer hier noch den Überblick behält. Kein Problem für Nuri, denn Schneidern ist seine Leidenschaft, sein Traumberuf. In der Türkei wurde er ausgebildet; damals, während der Lehre, musste er mit abgebundenem Finger zunächst alles per Hand nähen. Flugs wird nebenan Tee organisiert, er kommt auf einem kleinen Tablett mit farbenfroh gemusterten Tellerchen. Auf der Theke steht eine kleine Schale mit Bonbons. Es kann losgehen!

Wie kam es dazu, dass Sie eine Änderungsschneiderei hier im Herzen Ehrenfelds eröffnet haben?

Hat das Schneidern bei Ihnen Familientradition? Nein! (Nuri lacht) Aber mein Vater und meine Brüder haben mich zu diesem Beruf gebracht. Die hatten natürlich einen großen Einfluss, sie haben mich damals geleitet. Ich sollte ja nicht nutzlos auf der Straße herumspazieren … Und Ehrenfeld ist „mein Dorf“: Hier fühle ich mich zugehörig, hier kenne ich so viele positive Menschen. Ich wohne, lebe und arbeite gerne hier!

Was macht Ehrenfeld für Sie zu einem „Dorf“?

In Großstädten ist es normalerweise unüblich, dass man sich gegenseitig auf der Straße Hallo sagt. Aber hier in Ehrenfeld, in unserem Veedel, ist es so, dass man sich kennt. Ich wohne ja schon sehr lange in Ehrenfeld, bin hier eingesessen. Jedes Mal, wenn ich rausgehe, treffe ich einen Bekannten! Man grüßt sich, trinkt einen Tee zusammen. Das beruht alles auf Gegenseitigkeit: Die Leute sind offen, nett, und genauso bin ich eben auch.

Gibt es denn auch etwas, dass Sie in Ehrenfeld gerne ändern würden?

Nein, ich würde tatsächlich nichts ändern wollen! So wie es ist, gefällt es mir sehr gut. Meine positive Energie, die ich weitergebe, kriege ich immer zurück.

Was gefällt Ihnen am besten an Ihrem Beruf?

Ich mag meinen Beruf in all seinen Facetten. Der Beruf des Änderungsschneiders passt einfach zu mir, es ist das, was ich schon immer machen wollte! Ich habe diesen Beruf vor langer Zeit erlernt, übe ihn seit langer Zeit aus, habe ihn verinnerlicht und identifiziere mich damit: Schneidern macht mich glücklich und ausgeglichen.

Schneidern macht mich glücklich

Die Menschen bringen ihre Kleidung zu Ihnen, wenn etwas verschlissen ist, der Knopf abfällt, die Nähte aufgehen oder etwas gekürzt werden muss. Bekommen Sie von Ihren Kunden öfter zu hören, dass sie diese Kleidungsstücke besonders mögen und deshalb zu Ihnen bringen?

Natürlich, es gibt viele Kunden, die sich von bestimmten Kleidungsstücken einfach nicht trennen können, zum Beispiel, weil es ein Geschenk war und sie es deshalb immer und immer wieder flicken lassen. Einmal hat ein Kunde eine Hose vorbeigebracht, die so dermaßen kaputt war, dass ich gerne von ihm wissen wollte, warum er sie überhaupt noch reparieren lassen möchte. Er meinte, er könne sich von dieser Hose einfach nicht trennen. Er hat dann sogar die gleiche Hose noch mal gekauft und mitgebracht, damit ich die kaputte Hose genauso nähe, wie sie ursprünglich ausgesehen hat.


Es sind also auch sehr alte Sachen dabei?

Ab und zu, ja! Aber häufig lässt sich nur schwer sagen, wie alt die Sachen genau sind …

Ein junger Mann betritt den Laden. Er hat seine viel zu lange neue Jeans dabei – das Etikett baumelt noch. Als er aus der Umkleidekabine tritt, steckt Nuri das linke Hosenbein mit Nadeln ab und bietet ihm einen Tee an. Es wird nicht die einzige Pause sein, denn alle paar Minuten stehen andere Menschen in Nuris kleinem Ladenlokal. Nachbarn strecken den Kopf herein, grüßen und wollen wissen, was wir machen. Eine Kundin kommt mit ihrem kleinen Sohn, sie wollte ihr buntes Sommerkleid eigenhändig kürzen und zeigt Nuri nun lachend den schiefgeschnittenen Saum.


In Ehrenfeld gibt es viele Änderungsschneider. Was schätzen Ihre Kunden an Ihnen, warum kommen sie hierher?

(Nuri lacht) Das müsste man die Kunden fragen! Vielleicht ist es aber so, dass ich die Sachen in ihren Augen besonders gut flicke und sie auch gut betreue.

Kommen die Menschen oft mit „Notfällen“, die über Nacht fertig werden müssen?

Ja, genau. Ich bin jederzeit da, um zu helfen und manchmal auch, um zu retten! Gerade am Wochenende kommen viele Menschen in meinen Laden gelaufen und haben es eilig; sie wollen zum Beispiel zu einer Hochzeit und dann heißt es: „Nuri, mach mal!“ Dann erledige ich zunächst alles, was schnell gemacht werden muss. Und anschließend schicke ich die glücklichen Leute mit ihren geschneiderten Sachen zur Hochzeit, zur Party oder wohin auch immer!

In Ehrenfeld kennt man sich

Das Konsumverhalten hat sich in den letzten Jahren gewandelt; es wird immer mehr und immer billiger eingekauft. Spüren Sie diesen Trend hier im Laden – zum Beispiel, weil die Menschen ihre Dinge seltener zum Ändern bringen, sie lieber gleich wegschmeißen und dafür Neues kaufen?

Eher im Gegenteil! Ich meine, dass die Menschen ihre Sachen in letzter Zeit eher zum Schneider bringen als sie wegzuschmeißen. Das ist zumindest mir aufgefallen. Vielleicht werden die Leute tatsächlich langsam wieder ein wenig umweltbewusster?

Wie steht es um die Qualität der Kleidung, die Sie flicken? Hat die im Laufe der Zeit eher abgenommen oder eher zugenommen?

Die Leute bringen auch einige Markensachen zur mir, aber selbst hier sehe ich, dass die Qualität nachlässt. Das merke ich vor allem an den Nähten; die sind häufig zu bemängeln, sie entsprechen nicht mehr früheren Standards.


Das passt dazu, dass man heute viele Kleidungsstücke schon für 10 Euro kaufen kann. Wenn man bedenkt, dass Sie mitunter den gleichen Betrag für eine Reparatur nehmen, kann man ins Grübeln kommen.

Es gibt tatsächlich immer wieder Kunden, die wollen, dass ich ihnen eine Arbeit noch günstiger mache. Wenn aber jemand eine Hose für 10 Euro kauft und mir zum Kürzen gibt, sehe ich nicht ein, mit dem Preis runterzugehen, nur weil die Hose so billig war. Ich muss meine Leistung ja berechnen. Ich kann keine 5-Euro-Hose für 2 Euro ändern …

Vielleicht werden die Leute wieder umweltbewusster

In Ihrem Laden machen Sie ja nicht „nur“ Kleidung passend: Sehen Sie sich auch als Anlaufstelle für die Menschen, um Schwätzchen zu halten, Neuigkeiten auszutauschen, die Nachbarschaft lebendig zu halten?

Klar! Die Leute wollen sich oft unterhalten, das gehört dazu. Treffpunkt bei Nuri! Richtig vertiefte Gespräche kann ich natürlich nicht führen, weil es überwiegend Frauen sind, die hierherkommen (Er lacht).

Wo kaufen Sie selbst am liebsten Ihre Kleidung?

Ich nähe mir meine Anzüge natürlich selber. Manchmal kaufe ich zwar auch Sachen, aber da ich nun mal nähen kann, mache ich vieles selbst. Meiner ältesten Tochter sollte ich übrigens auch mal eine Hose kürzen. Aber es kam nie dazu, weil ich so viele andere Aufträge und Kleidungsstücke hier hatte. Als sie mir die Hose gab, war sie 15. Heute ist sie 21 – und sucht die Hose immer noch, die ist hier einfach irgendwo verschwunden! (Er lacht)

Irgendwo halb zwischen und halb hinter den Kleidungsstücken an der Stange steht auch Nuris türkische Gitarre, Saz genannt, die er zum Ende des Interviews hervorholt. Hin und wieder spielt er damit in der Moschee an der Venloer Straße. „Er kann alles!“, sagt seine Frau, die ihm im Laden hilft und lacht. Sie selbst kann nicht nähen. Braucht sie auch gar nicht. Dazu hat sie ja ihren Mann.

Vielen Dank an Nuri Andaç für das Gespräch und an Ebru Ata fürs Dolmetschen! Wer einen Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten und seine Kleidung zu Nuri bringen möchte, ohne Türkisch zu sprechen oder zu verstehen, muss jedoch keine Scheu haben: Heißer Tee und herzliches Lachen überbrücken hier alle Sprachbarrieren.

  • Text: Maren Lupberger
  • Foto: Bozica Babic