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Schöne neue Modewelt

Bio-Mode, Second-Hand und Zero-Waste in Ehrenfeld

Einfach Klamotten shoppen war gestern – heute gibt es mehr Optionen denn je, Kleidung kreativ zu schaffen und zu nutzen. Andrea Jeschewski erforscht und erkundet sie in Ehrenfeld, in ihrem Atelier in der Geisselstraße.

Eine sanfte Rebellin sitzt einem gegenüber, wenn man sich mit Andrea Jeschewski trifft. Früher war sie in der Modeindustrie tätig, hat die Kleidung gestaltet, die man in den Geschäften so findet. Dann kamen ihr Zweifel – an der Chemie in der Kleidung, am Massenkonsum, an der aggressiven Vermarktung des Ewiggleichen, an den sozialen Bedingungen auf den Baumwollfeldern und in den Fabriken.
Als Gegenmodell hat sie einen eigenen Modeladen eröffnet, bgreen. Hier gab es Mode aus Biobaumwolle, T-Shirts, Jeans und Kleider in modernen Formen und Farben, fair produziert, mit persönlicher und individueller Beratung, in einem schönen Ambiente. Es war der erste Laden dieser Art in Köln und einer der ersten in Deutschland überhaupt. Klein aber fein, in einer Seitenstraße der damals gerade schick gewordenen Ehrenstraße.
Doch auch hier kamen ihr irgendwann Zweifel. Denn wenn die Biomode vieles besser macht, ist sie doch eine Industrie geworden – mit den klassischen Mechanismen: Große Messen, Produktion in Masse, Wachstumsdrang und damit der Druck, immer neue Produkte an den Markt zu bringen und immer mehr zu verkaufen. In einer Welt, in der eh schon zu viele Klamotten ungenutzt in den Schränken hängen oder als Restware in die Dritte Welt verschifft werden.

Eine neue Art von Mode
Den Laden besitzt sie nicht mehr, stattdessen hat sie ein kleines Atelier in der Geisselstraße. Hier beschäftigt sie sich mit neuen Bekleidungsformen. Denn Andrea Jeschewski reizt das Neue – nicht nur die neuen Formen und Farben, sondern überhaupt eine neue Art, mit Mode umzugehen.
Zum einen gestaltet sie Upcycling-Mode – neue Kleidung aus alten, gebrauchten Klamotten. Herrenhemden werden bei ihr zu Blusen, Pullis zu Kleidern umgearbeitet. Sie hat erste Modelle entworfen und potentiellen Kunden vorgestellt. Mit positivem Feedback. Eine Herausforderung bleibt hier die Beschaffung von Material, um die Stücke wirklich in Serie produzieren zu können. Die Vielfalt in Secondhandshops macht dies schwierig – ein einmal gefundener Schnitt muss immer wieder neu angepasst werden.
Zum anderen experimentiert sie mit sogenanntem „Zero-Waste-Design“. Hierbei werden Schnittmuster so angelegt, dass sich aus dem Stoff lückenlos das Kleidungsstück ergibt. Die Stoffbahn wird so komplett genutzt, es bleibt kein Abfall – „zero waste“ eben. Bei „normalen“ Designs in der Modeindustrie dagegen fallen in der Regel 15% des Stoffes als Abfall an.

Die Stoffbahn wird so komplett genutzt

Was sich in der Theorie einfach anhört, ist in der Praxis hoch kompliziert. Weltweit gibt es nur wenige Designer, die tatsächlich Mode nach diesem Prinzip herstellen. Vorbilder gibt es kaum – man muss fast bis zu den alten Römern und ihren gewickelten Togen zurückgehen. Andrea beginnt hier mit einfachen, geometrischen Schnitten und wenigen Nähten, hat erste Prototypen entwickelt und testet diese nun in der Praxis.

Tipps für Dich und mich
Andrea lebt das, was sie in ihren Kleidungsexperimenten erforscht, auch im Privaten. Sie kauft viel secondhand. Zum Beispiel gerne bei Polyestershock in der Geisselstraße 14 und im Rotkreuz Shop auf der Venloer Straße 349. Hier gibt es oft hochwertige und gut erhaltene Kleidung, manchmal sogar neuwertige Ware. Denn je mehr gedankenlos gekauft und weggeschmissen wird, desto mehr Secondhand-Ware hängt in den Läden. Zudem ist Secondhand-Mode oft günstig – und lädt damit zum Ausprobieren und Experimentieren ein. Und was für den einzelnen nicht funktioniert, kann dann wieder in den Kreislauf gegebenen werden.
Insgesamt besitzt Andrea aber weniger Kleidung als früher – und empfindet das als Befreiung. In ihrem alten Beruf musste es jeden Tag ein neues Outfit sein. Mittlerweile hat sie ein paar Lieblingskombinationen und trägt diese als eine Art Kluft. Dies spart das morgendliche Grübeln und Zweifeln vor dem Kleiderschrank. Und das wird auch von ihrem Umfeld positiv aufgenommen – vor allem von anderen Menschen, die sich kritisch mit Mode auseinandersetzen.
„Normalen“ Konsumenten empfiehlt sie, erst einmal mit Biomode anzufangen – als einfachen, kleinen Schritt. Hier gibt es mittlerweile für (fast) jeden Stil ein Angebot – zum Beispiel unter fairen Bedingungen hergestellte, aus Biobaumwolle produzierte und umweltverträglich gefärbte T-Shirts und Jeans. Spezialisierte Läden gibt es in den meisten Städten – allein in Köln gibt es vier Läden. Auch online lässt sich das meiste bestellen – und Blogs wie der von Kirsten Brodde (www.kirstenbrodde.de) informieren über Trends und Entwicklungen.
Darüber hinaus lädt Andrea alle dazu ein, selbst zu experimentieren – mit Secondhand-Mode, Kleidung zu tauschen, zu leihen und umzuarbeiten, dazu, die Art, wie wir uns kleiden und geben, Schritt für Schritt gemeinsam neu zu erfinden

Auf öko-faire Mode in Köln haben sich die folgenden Läden spezialisiert:
↘ green guerillas // Rathenauviertel, Roonstraße 82 - 84 // Südstadt, Merowingerstraße 6
↘ Kiss the inuit // Agnesviertel, Schillingstraße 11, 50670 Köln // Neu: Friedrichstraße 58, 53111 Bonn
↘ fairÄnderung // Sülz, Berrenrather Straße 315

Öko-faire Basics wie Shirts oder Unterwäsche gibt es auch in vielen Bio-Supermärkten. Auch manche Boutiquen führen ausgewählte öko-faire Marken.

  • Text: Martin Herrndorf
  • Foto: Bozica Babic