Regional

Maschentausch

Stricken zwischen Innenstadt und Ehrenfeld

Kann man aus alten Plastiktüten einen Blumentopf stricken? Oder aus einem aufgeribbelten, alten Pullover einen Kissenbezug? Alles eine Frage der guten Ideen, der witzigen Gestaltung und der Lust am Experimentieren. Ob jung oder älter, Anfänger oder Fortgeschrittene, gemeinsam stricken und häkeln kostet nichts.

Gerade noch in der Kölner Innenstadt, gefühlt aber schon Ehrenfeld, steht leicht zu sehen im Grüngürtel ein orangefarbenes Haus – das Quäker Nachbarschaftsheim. Hier im Doris Roper Haus – Treffpunkt 50 + trifft man sich beim Maschentausch zum Stricken. Am Vormittag kommen hier Menschen zusammen, die unter der Woche tagsüber aus verschiedenen Gründen die Zeit dazu haben, sei es aus gesundheitlichen Gründen, einer frühen Pension, einer Freistunde, fehlender Arbeit oder Schichtarbeit – egal – die Gründe für ihre freie Zeit sind so vielfältig wie ihre Motivationen zu stricken. Allen gemeinsam ist: Das Stricken bietet Raum für Kreativität.
Gegen Mittag stoßen Kinder und Jugendliche aus der Schule dazu. Sie gehen in die OT (Offene Tür für Kinder und Jugendliche mit Übermittagsbetreuung). Nach den Hausaufgaben, und wenn keine andere Verabredung im Wege steht, entsteht ein Begegnungsraum zwischen jung und alt. Wissensstand und Strick- und Häkelwünsche sind selten weit voneinander entfernt und der Maschentausch kennt keine Altersgrenzen, die Maschentechnik schränkt schon ein: ein wenig Fingerfertigkeit ist gefragt, der Rest kommt von alleine.

DAS HANDWERK IN LOCKERER RUNDE ERLERNEN

Ohne Anmeldung schneien seit Ende 2012 Strick- und Häkelbegeisterte, so wie es zeitlich passt, in ein familiär-herzliches, aber trotzdem dynamisch-kreatives Gemeinschaftsgefühl herein. Ein offener Blick, Neugierde und Gespräche inspirieren, mit den Handwerkstechniken Stricken, Häkeln und auch Spinnen zu experimentieren und auch mal Neues auszuprobieren. Man hilft sich und erhält Tipps, es entstehen Gespräche über Technik, Farbe und alternative Wollqualitäten, Aktionen und Produktideen und nebenbei darf natürlich das alltägliche Allerlei nicht fehlen.
So werden auch Alltagsbeobachtungen und Restmaterialien zu Inspiration und Vorbild für eigene Strickmaterial- und Produktgestaltung. Denn was nicht gebraucht wird, kann vielleicht noch verstrickt werden. Verwendet wird zum Beispiel – insbesondere für gemeinsame Aktionen – gespendete Wolle, Plastiktüten und alte T-Shirts. Außerdem gibt es eine Auswahl von zertifizierter ökofairer Wolle, über die fachlich informiert wird und zur Verwendung bereitsteht, vor allem wenn es mal etwas Besonderes werden soll.
Neben den üblichen Anleitungen zum Pullover- und Sockenstricken oder Mütze häkeln, entstehen zum Beispiel auch Blumentöpfe und Taschen aus Plastiktüten, Rucksäcke oder Aufbewahrungsboxen aus T-Shirts. Und ja, sogar aus Milch kann man Stulpen und Mützen stricken. Doch das interdisziplinäre Arbeiten von nachhaltigem Design, sowie Alten- und Jugendarbeit ist kein individualistisches, dekoratives Hobby, sondern greift vielmehr als Vernetzungsinstrument. Über gemeinsame Themen und Aktionen, die als Projekte in den Maschentausch integriert werden, ermöglicht das Stricken ein alters- und kulturübergreifendes Arbeiten und das Verbinden von Generationen miteinander. So können Strick- und Häkelbegeisterte das Handwerk in lockerer Runde erlernen oder ihr Wissen weitertragen, sich austauschen.
Die entstandenen Produkte werden auch zum Ausstellen, Verschenken, Spenden oder Verkaufen angeboten. Solche Aktionen dienen z.B. als Zuverdienst, zum Decken der Materialkosten oder zum Spenden für einen guten Zweck. Die Ideen sind vielfältig und so entstehen aus den Gesprächen oft von selbst – neben den eigenen Strickprojekten – kleine gemeinschaftliche Strickaktionen, an denen parallel gearbeitet wird: Sei es, wie im letzten Jahr, ein Ausflug auf das ökoRAUSCH Festival mit einer Vorstellung des Maschentauschs als Mitmach-Stricktisch oder das Stricken vor Weihnachten als Spende für den Weihnachtsbasar im Quäker Nachbarschaftsheim und dem Weihnachtsmarktstand am Dom von der Regionalgruppe terre des hommes. In diesem Jahr gibt es am 4. April 2014 als erste Aktion eine Guerilla-Strickaktion zur offenen Tür im Doris Roper Haus. Die Ergebnisse werden über diesen Tag hinaus vor Ort zu sehen sein!

  • Text: Lenka Petzold
  • Foto: Christoph Jansen