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Import Export

Mode zwischen Guinea und Ehrenfeld

In meinem Schrank finden sich viele Kleidungsstücke, die ich eigentlich nie anziehe. Modische Fehlgriffe verweilen neben einstigen Lieblingsteilen, wie meinem blauen Pünktchenkleid, das nicht mehr passt. Vermutlich ist mein Kleiderschrank keine Ausnahme in Ehrenfeld. Mit dem nächsten Umzug kommt dann immer die Frage auf: Wohin mit all dem Plunder? Eine schnelle Lösung ist natürlich, alles in Säcke zu packen und zum nächsten Container zu bringen.

Neben der Fragwürdigkeit des allgemeinen, deutschen Modekonsums sind aber auch die daraus resultierenden Altkleiderspenden nicht unproblematisch. Darüber gibt der Mediendiskurs der letzten Monate Aufschluss. Dieser wurde in Köln vor allem dadurch angeregt, dass die Stadt sich entschied, selbst Kleidercontainer aufzustellen. Vorher fand man hier vor allem Container des Deutschen Roten Kreuzes und teils ominöser Kleinorganisationen. Das Interesse an den Altkleidern ist deshalb so gestiegen, weil sie eine solide Einnahmequelle darstellen. Um Spenden handelt es sich nicht. Zwar geben die Verbraucher hier ihre ausrangierte Garderobe umsonst her, nach dem Wurf in den Container verwandelt sie sich aber in Handelsware. Neben Lieferungen nach Osteuropa wird der Großteil in afrikanische Länder verschifft.
Ist es gut oder schädlich, dass afrikanische Verbraucher sich günstig in die Trends vergangener Tage aus Europa einkleiden? Verdrängen die Importe die Erzeugnisse aus der heimischen Produktion und stellen eine Form westlicher Kulturdominanz dar? Was meinen KölnerInnen aus der afrikanischen Community dazu?

Bunt als Lieblingsfarbe

Issa und Amadou Touré, die Betreiber des Schneider-Ateliers Diamano Couture wägen ab: Einerseits leiden die SchneiderInnen in ihrer Heimat durch die gesunkene Nachfrage, andererseits ist es gut für die ärmeren Leute, dass sie die günstige Secondhand-Ware kaufen können. Sie ist teilweise hochwertiger als die chinesischen Importe, die ebenfalls auf den Markt drängen und mitunter schon nach zwei Wäschen kaputt gehen. Fodé Camara, Künstler und Pädagoge aus Guinea, betont, dass die importierte Ware in ihrer Bedeutung nicht mit traditionell gefertigten Kleidern verglichen werden kann. Zu feierlichen Anlässen muss man in Westafrika eben „afrikanisch chic“ und nicht „europäisch chic“ erscheinen.
Fodé erzählt, er kenne in seiner Heimat Frauen, die sich samstags reihum im Haus einer Freundin treffen und zu jeder dieser Feiern müsse ein neues Kleid her. Die Frauen gehen dann zu ihrer Schneiderin, suchen sich einen Stoff aus und bestimmen die Gestaltung des Schnitts. Natürlich ist das teuer, aber die Wünsche der Frauen in Afrika seien eben kostspielig. Deswegen würden viele Männer nicht heiraten.
Die westafrikanische Art des Shoppings kann man auch in Ehrenfeld erleben. Die KölnerInnen aus der afrikanischen Community bringen Designs und Bekleidungsgewohnheiten aus ihrer Heimat mit. So findet man bei Diamano Couture auf der Overbeckstraße traditionelle afrikanische Kleidung und neue Kreationen, die westliche und afrikanische Mode mixen. Alles wird von Issa Touré handgefertigt. Im Laden gibt es sowohl fertige Modelle als auch die Möglichkeit, sich etwas von ihr maßanfertigen zu lassen. War es früher auch in den hiesigen Breitengraden nicht unüblich in die Schneiderei zu gehen, ist maßgefertigte Kleidung in Deutschland seit zwei Generationen fast ganz verschwunden. Issa und Amadou Touré bringen diese Spielart des Konsums zurück nach Ehrenfeld. Anhand von Zeichnungen können sich ihre Kundinnen inspirieren lassen. Dazu gibt es passende Kopfbedeckungen und Accessoires, wie Ohrringe, Handtaschen und Armreifen. Für ein Sommerkleid bezahlt man zwischen 45 und 100 Euro und wartet drei bis sieben Tage auf die Fertigstellung. Amadou sagt: „Bunt ist in Guinea sowas wie die Lieblingsfarbe.“ Er und seine Frau Issa freuen sich, wenn auch Nicht-Afrikaner sich trauen, ihre farbenprächtigen Kleidungsstücke zu tragen. Nach Amadous Auffassung ist Integration keine Einbahnstraße, sondern eine Vermischung und gegenseitige Bereicherung. Issa setzt diese Philosophie in ihrer Mode um: Sie verbindet traditionelle guineische Stoffe, wie den terrakottafarbenen Forêt Sacré mit westlichen Schnitten, beispielsweise Ballonröcken, Blazern oder Kleidern mit asymmetrischen Schultern. Die Stoffe kauft Amadou von guineischen Herstellerinnen, die so ihren Lebensunterhalt bestreiten. Während mein Pünktchenkleid jetzt vielleicht von einer jungen Frauen in Togo getragen wird, entstehen unter dem Fuß von Issas Nähmaschine interkulturelle Einzelstücke – made in Ehrenfeld.

Einen Audiobeitrag von alleweltonair zu Altkleidern gibt es am Freitag, den 2.5. um 21.04. Uhr bei Radio Köln 107,1 FM, den Podcast auf www.grenzenlos-onair.de

Zum gleichen Thema: „Köln entdeckt das Geschäft mit den Lumpen“ auf www.koelnglobal.de

  • Text: Rebecca Mann
  • Foto: Diamano Couture