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Mehr als nur autofrei

Der Tag des guten Lebens steht für Freiraum und ein neues Miteinander im Veedel

Leicht, beschwingt und schön war er, der erste Tag des guten Lebens am 15. September 2013. Ein Tag, an dem Ehrenfeld gezeigt hat, wie viel Kreativität und wie viel Lebensfreude im Viertel stecken. Und wie viel Drang es gibt, den öffentlichen Raum neu zu nutzen, neu unter Nachbarn in Kontakt zu kommen oder bestehende Kontakte zu pflegen.

Hinter dem Tag steckt zunächst einmal jede Menge Arbeit. Viele Monate hat Davide Brocchi, der Initiator, für die Idee geworben. Bei Vereinen und Unternehmen aus Köln, bei Politikern, bei engagierten Bürgern. In unzähligen Vorträgen hat er sein Projekt vorgestellt – als Nachhaltigkeits-Labor und Impulsgeber für eine Transformation der Stadtgesellschaft.

Und er hat Mitstreiter gefunden. Sie nennen sich Agora Köln – nach der Agora, dem politischen, zivilgesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zentrum der antiken griechischen Stadt. Zum einen die 125 Netzwerk-Mitglieder, die die Aktion unterstützen. Zum anderen ein bunter Haufen Aktiver, der sich zusammen dafür einsetzte, dass der Tag des guten Lebens überhaupt stattfinden konnte. Die Gruppen machten das Projekt bekannt, indem sie von Haus zu Haus durchs Veedel gingen und die Anwohner zum Mitmachen animierten. Sie stimmten Verkehrspläne ab, organisierten Halteverbotsschilder und führten letztlich den Aktionstag in den Straßen von Ehrenfeld durch. 


Die Frage nach der Zukunft ...


Der Tag des guten Lebens setzte sich mit Fragen nach der Zukunft auseinander: Was passiert, wenn die globale Ölförderung zurückgeht? Wenn der Klimawandel wirklich zuschlägt? Und wie wollen wir ernsthaft versuchen, ihn zu stoppen? Was passiert, wenn unsere Art zu leben, basierend auf Ölverbrauch und Wegwerfprodukten nicht mehr funktioniert, wenn wir unser Leben tatsächlich umkrempeln müssen?

positive, bunte und lebendige Antworten

Zwar gibt es eine Menge Ideen, was man machen könnte, aber richtig ausprobiert hat dies bisher keiner. Weniger Auto fahren, weniger Fleisch essen, weniger heizen, das alles hört sich schnell nach Verzicht und Entbehrung an. Gerade in unserer heutigen Welt.


... braucht eine bunte Antwort!


Der Tag des guten Lebens wollte Antworten auf diese Fragen geben – und zwar positive, bunte, lebendige Antworten! Nicht in langen Reden und Verzichtsaufforderungen, sondern mit einem konkreten Erlebnis-Raum. Einem Raum, in dem man wie in einem Labor-Experiment erfahren kann, wie unsere Gesellschaft nach der „großen Transformation“ aussehen könnte.
Was konnte dieses Experiment 2013 zeigen? Wenn weniger oder keine Autos fahren, wenn Parkplätze frei werden, entsteht Freiraum, der ein neues Miteinander ermöglicht. Denn während wir jeden Quadratmeter Wohnfläche teuer bezahlen, stellen wir Straßenraum und Bürgersteige mit Autos zu. Die oft tagelang dort stehen, ohne bewegt zu werden.
Dieser Platz ist verloren – für Fußgänger und Radfahrer, für Familien, für Junge und Alte. Dort wächst kein Halm, da spielt kein Kind. Doch der Platz kann zurückerobert werden! Sichtbar war dies am Tag des guten Lebens im vergangenen Jahr. Und neben dem Platz für die Nachbarschaft wurde auch Raum für andere Aktionen geschaffen – für die „Schnippelparty“, für Radexpresswege und Repaircafés.

Der Tag 2014

Der Tag 2013 wirkte nach im Veedel. Oft war er Gesprächsthema in den Folgewochen. Viele haben ihre Nachbarn neu oder besser kennengelernt. Haben einen neuen Blick auf ihr Veedel bekommen. Und manche haben sich in den Folgemonaten sogar politisch eingesetzt – zum Beispiel für breitere Bürgersteige und mehr Fahrradständer in ihren Straßen.
2014 wird es bereits zwei Tage des guten Lebens geben. Die Agora Köln hatte sich Sülz als nächsten Stadtteil ausgesucht., Doch der Tag in Ehrenfeld hat einigen Anwohnern so gut gefallen, dass sie ihn auch 2014 organisieren wollten – als Team aus dem Viertel zusammen mit der Agora Köln. Wieder soll es ein buntes Miteinander und viel Lebendigkeit in den Straßen geben. Während Sülz offen für alle Organisationen ist, liegt in Ehrenfeld dieses Mal der Fokus darauf, dass neben den Anwohnern insbesondere Vereinen aus dem Stadtteil ihre Ideen und ihre Arbeit präsentieren.
Der Termin für den nächsten Tag des guten Lebens steht schon fest: 31. August 2014. Angemeldet sind unter anderem ein Bobby-Car-Rennen, der Aufbau eines türkischen Chai Gardens, die Aktion Freiraum 1:11, das Verschenken von Karma-Cocktails gegen Entschuldigungen, eine Änderungsschreinerei, ein Luftmatratzen-
sofa und der längste Apfelstrudel der Welt.

Damit es dann wieder heißt: Die Autos sind weg – her mit dem guten Leben!

  • Text: Martin Herrndorf
  • Foto: Marén Wirths