Im Interview

Leben in Balance

Christina Schütz im Interview

Schnell aufs Fahrrad geschwungen und kräftig in die Pedale getreten, um pünktlich beim Interviewtermin zu sein. Was Christina Schütz wohl davon hält? Unsere Interviewpartnerin hat schließlich vor einiger Zeit beschlossen, sich vom Alltag nicht mehr stressen zu lassen. Sie lacht. Sich vor einem Termin zu beeilen ist gleich schon mentaler Stress und völlig unnötig, findet die freiberufliche Designerin. Da hat sie eigentlich Recht und ebnet damit den Weg zu unserer ersten Frage zum Thema Entschleunigung.

Was bedeutet es für Dich, entspannt zu sein in einer Gesellschaft, in der ein enger Terminplan genauso zum Leben dazu gehört wie endlose To-do-Listen?

Ich habe mehrere To-do-Listen und einen vollen Terminplan. Trotzdem habe ich keine Lust auf Stress. Ich erlebe Stress in meinem Kopf. Meine Gedanken und mein Verhalten in einer Situation entscheiden, ob ich in Stress gerate. Daran kann man arbeiten. Ich mache Yoga, meditiere und schaffe Ruhephasen in meinem Alltag.
Ich kenne die Momente, in denen man so gestresst ist, dass man nur noch auf das Umfeld reagieren kann. Das gefällt mir überhaupt nicht. Im besten Fall entstehen solche Situationen gar nicht erst. Die äußere Entspannung hilft mir dabei, inneren Stress abzubauen.

Warum unterscheidest Du zwischen äußerer und innerer Entspannung? 

Ich werde auf der äußeren Ebene aktiv und praktiziere Yoga und Meditation. Auf der inneren Ebene werde ich dadurch ruhiger und aufmerksamer. Das wird zum Beispiel in Meetings deutlich: In einer Besprechung sitzen fünf Leute am Tisch. Eine Person träumt und eine andere ist gedanklich bei ihren E-Mails. Sie sind innerlich mit etwas anderem beschäftigt. Das kann zu Missverständnissen und Frustration in der Runde führen. Diese Unaufmerksamkeit geht irgendwann weg, wenn man versucht, bewusst gegenzulenken.

Die äußere Entspannung hilft mir dabei, inneren Stress abzubauen.

Meditieren bedeutet für mich das Trainieren von Aufmerksamkeit. Jeder, der mal versucht hat zu meditieren, kennt das: Man setzt sich hin, macht die Augen zu, atmet tief durch und dann geht's los. In diesem Moment sieht man, die ganzen Gedanken, die man sonst nicht hört wahrnimmt, weil man abgelenkt ist. In der Meditation schule ich meine Konzentrationsfähigkeit. Das nehme ich mit in den Alltag. Ich gehe zum Beispiel zur Bahnhaltestelle und meine Gedanken sind immer noch am Schreibtisch.

Ich fokussiere mich und schaffe eine Verbindung zu der momentanen Situation. Ich entspanne mich und höre vielleicht sogar Vögel zwitschern.
Yoga funktioniert in meinen Augen genauso. Ich muss auf die Handstellung, den Fußwinkel, die Augenposition, den Atem und auf meine Körperspannung achten. Wenn ich bei den Balanceübungen denke – ich stehe supergerade – dann kippe ich um, weil ich gedanklich abschweife. Es geht um die Konzentration auf den Moment.

Wann hast Du mit Yoga begonnen und welche weiteren Formen der Entschleunigung hast Du sonst noch als feste Bestandteile in Dein Leben integriert?

Vor circa acht Jahren habe ich mit Yoga angefangen, wobei ich nicht durchgängig praktiziert habe. Die Wertschätzung für das, was es mir zurückgibt, ist erst in den letzten Jahren gewachsen. Eine Yogastunde ist darüber hinaus immer wieder ein Grund rauszugehen, frische Luft zu schnappen und Menschen zu treffen.
Im Optimalfall starte ich den Morgen mit einer Meditation und einem ausgiebigen Frühstück. Das richtet meine Stimmung für den ganzen Tag aus. Danach kann ich an den Schreibtisch gehen, um konzentriert zu arbeiten. Ich beginne morgens, mich zu fokussieren und das spüre ich den ganzen Tag über. Ich kenne natürlich die Tage, an denen ich es nicht schaffe zu meditieren. Dann fange ich am Frühstückstisch schon mit dem Abrufen der E-Mails an und die Gedanken sind überall – nur nicht da, wo ich sie brauche. Das verbraucht viel Energie.

Es sind oft nur kleine Veränderungen in Abläufen.

Es sind oft die kleinen Veränderungen in Abläufen, die einen großen Unterschied machen. So habe ich zum Beispiel Tages-To-Do-Listen gegen Monats-
listen getauscht, um mir den täglichen Termindruck zu nehmen. Kann man realistisch einschätzen, wie lange Arbeitsprozesse dauern, entzerrt das heiße Projektphasen.

Welche Tipps hast Du für unsere Leser, um den Alltag ausgeglichener zu gestalten?

Es gibt einige Dinge, die man auf den gesamten Tag verteilen kann. Morgens lohnt es sich, sich hinzusetzen und zu fokussieren. Übergänge zwischen Terminen entschleunigen zusätzlich: Je gestresster ich bin, desto langsamer bewege ich mich fort. Dann gehe ich zu Fuß. Ich habe mehr Zeit, um herunterzufahren. Wenn ich mit dem Fahrrad fahre, ist die Pause viel kürzer, um von der alten Sache abzuschalten und mich auf die neue Sache einzustellen.

Über eine Woche verteilt kann man Regenerationsphasen einplanen, wie zum Beispiel Yoga und einen ganz freien Tag – auch keine Mails lesen. Stattdessen lieber etwas Sinnvolles machen. Regelmäßig essen und schlafen bringt ungemein viel. Das hört sich alles so banal an, ist für mich auch nicht immer umsetzbar.
Ich bin auch bei Facebook und Twitter, aber wenn ich zum Yoga gehe, lasse ich das Handy zu Hause. Jeder hat die Wahl, es auch mal liegen zu lassen. Die Angst, etwas zu verpassen, ist wieder eine Form von mentalem Stress. Wenn man die persönlichen Stresspunkte erkennt, kann man versuchen, mit ihnen anders umzugehen.

Merkst Du, dass Deine Ausgeglichenheit auf Dein Umfeld abfärbt?

Ja, total. Wenn ich mit einem Lächeln einen Raum betrete, lächeln die anderen zurück. Vor Meetings und wichtigen geschäftlichen Gesprächen versuche ich noch mal, zu meditieren und mich zu fokussieren. Während des Gesprächs bin ich dadurch gelassener, kann Leute ausreden lassen und ihnen zuhören. Ich habe die Kapazität, Gegenfragen zu stellen und mein Gegenüber fühlt sich ernst genommen.
Mein Umfeld nimmt den Unterschied wahr. Ausgeglichen kann ich besser auf die Probleme und Bedürfnisse meines Umfelds eingehen. Arbeitsprozesse und Abstimmungen mit Kunden kann ich konstruktiver gestalten.

Gab es für die Entscheidung, Yoga zu machen ein Schlüsselerlebnis? Beim Yoga hatte ich das nicht, da bin ich eher reingerutscht. Ich war auf der Suche nach einem Sport, der mir Spaß macht. Aber ein Schlüsselerlebnis hat mich zum täglichen Meditieren gebracht. Das war während meiner Masterarbeit, wo es sehr fordernd war. Ich hatte so viele Gedanken in meinem Kopf, dass ich überhaupt nicht mehr denken konnte. Dann habe ich mich aufs Kissen gesetzt und ein paar Mal durchgeatmet, um wieder meinen Fokus zu finden und es hat funktioniert. Somit wusste ich, was mir hilft.

Gibt Dir diese Balance Kraft, Projekte, die Dir wichtig sind, ehrenamtlich zu unterstützen? 

Ich engagiere mich ehrenamtlich, weil ich Lust darauf habe. Jeder macht so viel, wie er kann. Bei jedem kommt schließlich irgendwann die Grenze, wo es nicht mehr geht, auch bei mir. Die Balance hat diese Grenze nach oben versetzt, ohne, dass ich dabei die Freude verliere.

Was bedeutet es für Dich, ein ‚gutes Leben‘ zu führen? Welchen Stellenwert haben für Dich, neben der inneren Balance, dabei Umweltbewusstsein und Fairness? 

Gutes Leben ist für mich bewusstes Leben. Das beginnt bei der Ernährung und dem Einkauf. Ich esse Fleisch, mir ist jedoch bewusst, dass es Produktionsapparate gibt, die nicht gut für die Tiere sind. Also habe ich die Wahl, welches Fleisch ich kaufe. Ich esse ungefähr einmal im Monat Fleisch und möchte am liebsten wissen, wo und wie das Tier aufgewachsen ist. Mit diesem Verhalten kann ich ein Signal gegen die Massentierhaltung setzen. Mir geht es darum, bewusst Entscheidungen zu treffen und nicht in einem Automatikmodus gefangen zu sein. Das zieht sich durch alle Bereiche des Lebens. Wenn man beginnt, seine Handlungen zu reflektieren, kommt man schnell zu Themen wie Fairness und Umweltbewusstsein. Man hinterfragt alltägliche Dinge: Kaufe ich Bio-Lebensmittel? Trinke ich Wasser aus einer Glaskaraffe oder einer Plastikflasche?
Innere Ruhe schafft Raum, um sich über solche Dinge Gedanken zu machen. Sie gibt einem die Möglichkeit, etwas Gutes für Freunde oder Nachbarn zu tun, im privaten Leben etwas Sinnvolles zu machen. Ein gutes Leben bedeutet für mich auch, von dieser Ich-Bezogenheit Abstand zu nehmen und öfter darüber nachzudenken, womit ich anderen eine Freude machen kann. Das Zwischenmenschliche gehört für mich zum guten Leben auf jeden Fall dazu.

Wir danken Christina Schütz herzlich für das entspannte Interview und nehmen uns vor, ab sofort öfter zu Fuß zu gehen.

  • Text: Monika Hogrefe
  • Fotos: Bozica Babic