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Glück kann man nicht kaufen

Wi gemeinsames Wirtschaften im Lokalen die Welt verbessern kann

Es ist eines der größten Versprechen der globalen Wirtschaft, dass wir mit mehr Einkommen und mehr verfügbaren Gütern eine höhere Lebensqualität erreichen. Und es ist ein leeres Versprechen! Auch wenn die Werbung uns ständig das Gegenteil beweisen will. Der erhöhte Güterverkehr geht außerdem zu Lasten der Natur. Höchste Zeit umzudenken.

Damit Lebensmittel überall auf der Welt verfügbar sind, reisen sie quer über die Meere und Kontinente. Äpfel aus Großbritannien werden zum Waschen und Wachsen nach Südafrika und zum Verkauf wieder zurück in britische Supermärkte geschickt; vor den Küsten Amerikas gefangener Thunfisch wird zur Verarbeitung nach Japan und anschließend wieder nach Amerika geflogen... Effizienz und Nachhaltigkeit? Fehlanzeige. Die sogenannten Food Miles, also der Weg, den Lebensmittel vom Produzenten bis zum Konsumenten zurücklegen, fördern die Abhängigkeit von Öl und sorgen für erhöhte Emission. Das hat Folgen: Zum einen wird der Klimawandel weiter vorangetrieben. Zum anderen wird das Sterben ländlicher Kulturen, die im globalen Wettbewerb unterliegen (müssen), billigend in Kauf genommen.
Obwohl die Weltwirtschaft in den vergangenen 30 Jahren um 230 Prozent gewachsen ist, hat die subjektive Lebenszufriedenheit kaum zugenommen. Das belegen Studien der internationalen Glücksforschung. Nur in armen Ländern hat eine Verbesserung der materiellen Situation eine deutlich positive Wirkung auf das Wohlbefinden. Sobald das Einkommen aber die Grundbedürfnisse sichert, flacht die Glückskurve ab. Und Menschen, denen Luxus und Reichtum besonders wichtig sind, sind sogar eher unglücklich. Die Freude über das teurere Auto ist ausgesprochen kurzlebig und häufig eine relative Größe, da sie einen nur im Vergleich mit anderen besser dastehen lässt. Der Materialist verschleißt sich dabei selbst in einem Rattenrennen um mehr Status, in dem er immer versucht zu gewinnen, was ein anderer gerade verliert. Wozu sollte man sich an diesem hoffnungslosen Rennen eigentlich beteiligen?

Lokalisation statt Globalisierung

Materialisten sind im Übrigen seltener mit Freunden zusammen. Und das macht nicht nur nicht glücklich, sondern einsam. Entscheidend für das persönliche Glücksgefühl sind also vor allem soziale und kulturelle Faktoren. Familie und Freunde, Nähe und Gemeinschaft machen glücklich und können sogar zu einem längeren und gesünderen Leben verhelfen. Denn einsame Menschen stehen unter Stress, alleine mit allen Widrigkeiten des Lebens klarkommen zu müssen.
Weltweit haben sich Glücksuchende auf den Weg gemacht. Ihre Biografien sind verschieden, aber ihre Motive sind die gleichen: Sie arbeiten als Kreative, Banker, Lehrer, und sie sehnen sich nach mehr Autonomie – nicht im Beruf, sondern generell im Leben. Während Regierungen und die Großindustrie für die Globalisierung und die Verfestigung der Macht der Konzerne werben, fordern die Glücksuchenden ein Ende der Reglementierung von Handel und Finanzen. Sie wollen sich unabhängig machen von undurchschaubaren Strukturen, die unter anderem den Klimawandel nur mit unwirksamen Konferenzen zu bekämpfen versuchen. Stattdessen wollen sie die Dinge des Alltags selbst verantworten können und nicht auf Kosten der Umwelt oder auf Kosten von Akkordarbeiterinnen in Bangladesh leben. Entgegen der alten Machtinstitutionen sind sie dabei, eine neue, andere Zukunft zu schmieden. Sie kommen zusammen, um ein auf Menschlichkeit und ökologischer Wirtschaft basierendes Paradigma zu schaffen – hin zu einer lokalen Ökonomie. Einer Ökonomie des Glücks und der Entschleunigung.
In vielen Weltgegenden sprießen deshalb Initiativen, die regional und lokal angepasst wirtschaften: Via Campesina („der bäuerliche Weg“) ist eine internationale Bewegung von Kleinbauern und Landarbeitern mit Sitz in Jakarta. Die Organisation vertritt auf vier Kontinenten das Konzept der Ernährungssouveränität. Sie setzt sich für eine umweltfreundliche kleinbäuerliche Landwirtschaft ein, die in erster Linie die Versorgung der lokalen Bevölkerung sicherstellen soll. Eine derartige Lokalisierung wirtschaftlichen Handelns könnte zur wichtigsten Strategie werden, um unsere Welt, das Ökosystem und uns selbst zu einem besseren Leben zu verhelfen.
Die weltweiten Transition Town-Bewegungen sowie das Urban Gardening in Detroit (veedelfunker Nr. 8) sind ebenfalls konkrete Auswüchse für eine Rückbesinnung auf lokales Wirtschaften. Und sie sind Beleg dafür, dass selbst in ehemaligen Industriehochburgen ein Strukturwandel eingeleitet werden kann. Ganz gleich aus welchen Gründen. In Detroit setzen sich die Beteiligten nicht nur für biologische Vielfalt ein und wirtschaften im Kleinen, sondern sie stiften bewusst Gemeinschaft – den wohl wichtigsten Energieträger für das Glück. Die so entstehende Glücksökonomie greift die alte Wachstumswirtschaft nicht frontal an, sondern wuchert fröhlich in sie hinein, um Räume zu schaffen, in denen Kooperation wichtiger ist als Isolation.

  • Text: Thomas Meurer