Regional

Einen Gang zurück

Die Stadt Lüdinghausen zeigt, wie Entschleunigung NRW lebenswerter machen kann

Eine 24.000-Einwohner-Stadt am Fluss Stever, eine halbe Autostunde entfernt von Münster. Drei Burgen, ein pittoresker Rosengarten, eine Mühle. Und eine Altstadt voller Ecken, Winkel und westfälischem Mauerwerk, mit Cafés und belebten Plätzen. Aber Lüdinghausen ist nicht einfach nur idyllisch: Die kleine Stadt ist ganz bewusst „entschleunigt“.

Doch was bedeutet es überhaupt, wenn Städte von Entschleunigung sprechen? Und wie kann das mehr sein als eine bloße Utopie, heute, in Zeiten der Globalisierung? In Lüdinghausen lässt sich diese Frage sehr klar beantworten, denn Lüdinghausen hat sich der Initiative Cittaslow angeschlossen – so wie 188 andere Städte in 29 Ländern auf der ganzen Welt. Das Kunstwort verschmilzt den italienischen Ausdruck „città“ (Stadt) mit dem englischen „slow“, bedeutet also wörtlich übersetzt „langsame Stadt“. Der abstrakte Begriff der Entschleunigung wird dabei auf ganz konkrete Kriterien und Ziele heruntergebrochen, denen sich die Städte freiwillig verpflichten: Nachhaltige Umweltpolitik und Stadtplanung spielen eine Rolle, Schutz der Natur und der Gemeinschaft, das Besinnen auf lokale Eigenheiten und Traditionen. Aber auch die Stichworte Gastfreundschaft, Schönheit oder erlesene Gastronomie findet man in diesem Manifest für mehr Lebensqualität. Entschleunigung kann also regionaltypische, traditionell hergestellte Produkte bedeuten, Bürgerengagement und fahrradfreundliche Straßen. Die teilnehmenden Städte verschreiben sich dem Grundsatz: Qualität vor Quantität.

Lüdinghausen ist die erste und bislang einzige Slow City in Nordrhein-Westfalen. Ein engagierter Lüdinghausener Unternehmer gab den Impuls, er stellte die Initiative im Rathaus vor. Seit 2007 gehört Lüdinghausen zum Cittaslow-Netzwerk. „Wir haben dann schnell festgestellt, dass unsere Stadt eigentlich schon längst eine Cittaslow ist, weil sie die Qualitätsansprüche bereits mehr als erfüllte. Mit der Zertifizierung konnten wir der vorhandenen Qualität aber einen Namen geben“, erinnert sich Armin Heitkamp, Pressesprecher der Stadt. Und dann kommt er auch schon ins Schwärmen, und er spricht von alten Häusern, lauschigen Innenhöfen, verwinkelten Gassen, und von viel Grün.
Die Geschichte der Cittaslow-Bewegung beginnt schon viel früher und weit weg von Lüdinghausen, nämlich im Italien der 1980er Jahre unter dem Stichwort Slow Food: Die Eröffnung einer McDonald’s-Filiale in Rom, 1986 an der Spanischen Treppe, kratzte am Stolz der Italiener, die eine Infiltrierung ihrer weithin geschätzten Esskultur fürchteten. In den aufkeimenden Debatten gründete Carlo Petrini, piemontesischer Gastronom und Publizist, die sogenannte Slow Food-Bewegung als Zeichen seines Protests. Slow Food als Gegenpol zum Fast Food, Slow Cities als Gegenpol zur hektischen, sinnbetäubenden Stadt. Von einer bewussten Esskultur hin zur Komplett-Entschleunigung ganzer Städte bedarf es zwar mehr als nur einen Schritt. Doch der Grundstein war gelegt. Der unerwartete Erfolg von Slow Food brachte Gründer Petrini Ende der 1990er Jahre auf die Idee, die Slow Food-Philosophie auf sämtliche Lebensbereiche auszudehnen: 1999 gründete er mit vier Bürgermeistern italienischer Kleinstädte Cittaslow.
Inzwischen steht das Attribut „slow“ allgemein für Entschleunigung durch eine bewusste und nachhaltige Lebensweise, die Auswüchsen der Globalisierung trotzen will. Und dennoch: Der Begriff sorgt nach wie vor für Verwirrung. Denn Entschleunigung wird gerne mit Langsamkeit gleichgesetzt, und Langsamkeit mit Stagnation oder sogar Rückschritt. Auch Heitkamp weiß: „Cittaslow ist nicht selbsterklärend. Daher haben wir immer betont, dass es um die Weiterentwicklung Lüdinghausens als einer lebenswerten Stadt geht. Damit kann jeder etwas anfangen, weil jeder Vorstellungen von einer lebenswerten Stadt hat!“

Der Globalisierung trotzen

Einen Wermutstropfen gibt es: Das Cittaslow-Konzept mit seinem strengen Kriterienkatalog ist vor allem auf kleine und mittlere Städte gemünzt. Heitkamp sieht in großen Städten wie Köln ganz andere Herausforderungen. Und doch dürfe nicht verkannt werden, dass sich immer mehr Menschen – egal, wo sie wohnen – nach Entschleunigung sehnen. Eine Studie aus dem Jahr 2013 geht davon aus, dass die Philosophie der Cittaslow-Bewegung auch Denkanstöße für Großstädte und Metropolen liefern und dort durchaus Sinn stiften kann. Erste Praxisbeispiele zeigen das bereits. Das Konzept hat etwas Universelles; nur so ist es zu erklären, dass Cittaslow von einer italienischen Kleinstadt aus bis ins südkoreanische Hadong-gun oder ins australische Goolwa vordringen konnte. Oder, wie Armin Heitkamp es ausdrückt: „Cittaslow stellt die Lebensqualität und damit den Menschen in den Mittelpunkt. Das ist ein Ansatz, der zweifelsohne für alle Städte gelten sollte.“ Er ist sich daher sicher, dass das deutsche Cittaslow-Netzwerk weiter wächst. „Es tut dies – wen wundert es – bewusst langsam …“