Regional

Wuppertal wird Fahrradstadt

Die Bergische Metropole als Radler-Paradies

Fahrradfreundliches Wuppertal. Was wie ein abgefahrener Stadtmarketing-Gag klingt, nimmt immer konkretere Formen an. Der Verein Wuppertalbewegung macht die ehemalige Nordbahntrasse zu einem attraktiven Freizeitweg für Fußgänger, Skater und Radfahrer. Rückenwind bekommt der Verein durch die Menschen vor Ort. Mit ihren Spenden und ihrer Hilfe wächst der Weg – Stück für Stück.

Münster vorne, Wuppertal hinten. So lässt sich das Ergebnis des letzten Fahrradklimatests des ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrradclub e.V.) zusammenfassen. Platz 38 spricht eine deutliche Sprache. Aber wer selbst einmal versucht hat, zum Beispiel mit dem Fahrrad vom Stadtteil Elberfeld nach Oberbarmen zu radeln, der wird Wuppertal genauso ein schlechtes Zeugnis ausstellen. Die Mittelgebirgslage und Höhenunterschiede von bis zu 150m im Stadtgebiet sind eine echte Herausforderung für Genussradler mit durchschnittlicher Kondition.
Hinzu kommt die mangelhafte Radverkehrsinfrastruktur. Es gibt kein geschlossenes Netz von Fahrradwegen. Und von den 454 Einbahnstraßen sind nur etwa 10% für den Radverkehr in beiden Fahrtrichtungen freigegeben. Kurzum: Wuppertal ist – trotz Schwebebahn und vieler Busse – eine Autofahrerstadt.

Das kann sich bald ändern. Vielleicht nicht unbedingt im Stadtzentrum. Aber auf den Nordhöhen kommt Bewegung in die Sache. Dazu wird Historisches reaktiviert: 22 Kilometer geht die sogenannte Rheinische Strecke, die einst Dortmund mit Düsseldorf verbunden hat, über Wuppertals Nordhöhen – daher die Bezeichnung Nordbahn. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts rollte hier der Personen- und Güterverkehr. Wegen einer moderneren Ausweichstrecke durch das Tal verlor die Rheinische Strecke ab Mitte des letzten Jahrhunderts allerdings an Bedeutung. Der Personenverkehr wurde 1991 eingestellt, der Güterverkehr acht Jahre später. Danach drohte die komplette Nordbahntrasse zu verfallen.
Ein Umstand, den Dr. Carsten Gerhardt und einige Mitstreiter nicht hinnehmen wollten. Gemeinsam gründeten sie 2006 die Bürgerinitiative Wuppertalbewegung e.V. Ihr wichtigstes Ziel ist die Umwandlung der ehemaligen Nordbahntrasse in einen Freizeitweg. Der Verein entwickelte ein Umnutzungskonzept und erstellte die Entwurfsplanung. Bei der Umsetzung kam es immer wieder zu Bauunterbrechungen, unter anderem wegen eines Streits über den Schutz von Fledermäusen, die sich in den Tunneln der Strecke angesiedelt hatten. Dennoch: Bis Ende 2014 soll die Nordbahntrasse durchgehend nutzbar sein. Bisher ist mehr als die Hälfte der Strecke von Wichlinghausen nach Vohwinkel fertig – allerdings in Teilstücken.

Münster Vorne, Wuppertal Hinten

Die Trasse ist geprägt durch architektonische Meisterleistungen: Um die steilen Hänge der Stadt und das Tal zu überwinden, gibt es einige Tunnel, Viadukte und Brücken auf der Strecke. Und da die Züge keine Steigungen über 2,5% bewältigen konnten, ist die Trasse nahezu eben. Davon profitieren heute die Radfahrer. Zwei von ihnen sind Sabine und ihre Tochter Laura. Die Elberfelderinnen kommen regelmäßig auf die Trasse. „Wir schätzen den hohen Freizeitwert. Dank der guten Asphaltierung und ganz ohne Autos und Kreuzungen haben wir hier die besten Bedingungen zum Radfahren“, schwärmt Sabine, die wie viele andere Wuppertaler neuerdings vom Fahrrad-Fieber infiziert ist.
Für die rund 100.000 Anwohner entlang der Strecke gibt es alle 200m einen direkten Zugang. Auch über die Bahnhöfe kommt man auf die Trasse. In den denkmalgeschützten Gebäuden befinden sich heute vorwiegend Cafés und Biergärten. Ein Zwischenstopp lohnt sich besonders am Mirker Bahnhof. Hier ist immer Betrieb – dafür sorgt das Projekt Utopiastadt, ein Netzwerk kreativer Köpfe, das sich in dem Bahnhof mit einer Agentur, Ateliers, Werkstätten, Proberäumen, einem Coworking Space und einem Café eingerichtet hat. Seit 2013 gibt es auch eine ehrenamtliche Fahrradwerkstatt – perfekt, um mal kurz die Bremsen einzustellen, Luft aufzupumpen oder einen Schlauch zu flicken. Und das Beste: Wer kein eigenes Rad hat, kann sich hier eins ausleihen.
Christian Hampe gehört zum Team von Utopiastadt. Seine Tipps für jeden Trassenradler: „Man sollte sich Zeit nehmen, die Aussicht von den Viadukten auf die Stadt zu genießen.“ Aber auch ein Blick unter die bekannte Lego-Brücke an der Schwesterstraße lohne sich. „Und wer sich für Street-Art begeistern kann, der wird Gefallen an der Graffiti-Hall-of-Fame finden“, versichert er. Also, auf nach Wuppertal!

  • Text: Thomas Meurer
  • Foto: Sven Pacher