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Freiraum für neue Mobilität

Ehrenfeld bewegt sich

Die Ehrenfelder fahren Rad, und das mehr als die Bewohner anderer Veedel. Stadt und Nachbarn bauen dafür die Straßen um. Stück für Stück. Radfahren macht Spaß, hält fit, ist günstig und oft unschlagbar schnell. Diese Argumente kommen bei den Ehrenfeldern an: Schon 27% der Fahrten werden mit dem Rad zurückgelegt. Das ist mehr als anderswo in Köln, und die Tendenz ist steigend. Mit Lastenräder und Anhängern bringen auch Eltern ihre Kinder und Großeinkäufe, oder Handwerker Ersatzteile, schnell und bequem durchs Viertel.

Die engen Straßen
Dabei sind die Bedingungen nicht ideal. Viele der engen Straßen sind zugeparkt, in der Stamm- und Marienstraße trotz Parkverbot. Rollstuhlfahrer und Eltern mit Kinderwagen haben zu wenig Platz – und Kinder selbst machen ihre ersten Fahrraderfahrungen hinter geparkten Autos. Das Ordnungsamt toleriert die Falschparker, obwohl es um die Ecke ein Parkhaus mit vielen freien Plätzen gibt.
Auch Rücksichtnahme fehlt oft – besonders bei Autofahrern, beobachtet Birgit Wetter-Kürten. Sie wohnt in der Keplerstraße, die zusammen mit der Reisstraße als Spielstraße ausgewiesen ist. Doch Kinder spielen hier fast nie. „Wenn Autofahrer auf der Vogelsanger im Stau stehen, fahren sie schnell hier durch – um dann auf der Venloer im Stau zu stehen!“, berichtet sie. Wer nicht schnell genug die Fahrbahn räumt, wird weggehupt. Eine lebenswerte Straße stellt sie sich anders vor.

Und sie bewegt sich doch
Die Straßen müssten also angepasst werden. Und es gibt tatsächlich Bewegung – sowohl von der Stadt als auch von Anwohnern angestoßen.
So fahren auf der Venloer Straße zwischen Innerer Kanalstraße und Gürtel die Radfahrer statt auf engen Radwegen jetzt auf Schutzstreifen. Autos dürfen hier nicht parken und nur ausnahmsweise fahren. Für die vielen neuen Fahrradständer wurden Parkplätzen geopfert. Und die Pläne für die Vogelsanger sehen ähnlich aus – weniger Parkplätze und Ampeln, Platz für Radfahrer und eventuell sogar Tempo 30. Auch viele Einbahnstraßen sind freigegeben – hier kommen Radler schneller ans Ziel.
All das erfordert Umdenken. Autofahrer sind überrascht, wenn ihnen in der Einbahnstraße Radfahrer entgegenkommen. Und nicht alle Radfahrer fahren gerne auf den Schutzstreifen – halb im Rinnstein, mit eng überholenden Autos links und möglicherweise aufspringenden Autotüren und Passanten rechts.

Kölsches Kopenhagen

Der Druck der Straße
Wichtig sind deswegen auch Impulse von Anwohnern. Eine Initiative hat sich in der Rothehausstraße zusammen gefunden. Bei einem Vor-Ort-Termin mit der Stadtverwaltung kamen Corinna und Florian Roll, Mitglieder der Initiative, mit dem Kinderwagen nicht an den parkenden Autos vor ihrer Haustür vorbei – zumindest dort wurden Pöller gesetzt. Doch die Anwohnerinitiative möchte die ganze Straße umbauen. Die Pläne sind nicht radikal – zum Beispiel einseitiges Parken und mehr Fahrradständer. Bei einer Planung strikt nach den RASt, den Richtlinien für die Anlage von Stadtstraßen, dürfte gar nicht mehr geparkt werden.
Was am Küchentisch begann, wurde zum Großprojekt. Immer wieder gab es Termine mit Verwaltung und Politik, im Bezirksrathaus und vor Ort. 130 Anwohner, knapp ein Drittel, haben für die Änderungen unterschrieben – nach zahlreichen Gesprächen am Straßenrand, an der Infotafel und beim ersten Tag des guten Lebens. Mittlerweile hat die Bezirksvertretung einen Beschluss gefasst – jetzt warten die Anwohner auf den Umsetzungsvorschlag der Verwaltung.
Auch in der benachbarten Keplerstraße hat Birgit Wetter-Kürten ein Treffen mit Verwaltung und Politik vor Ort initiiert. Die Vorschläge der Anwohner – versetztes Parken oder eine Umgestaltung der Einbahnstraßen – stießen erstmal auf Skepsis. Die Verwaltung möchte nur die Straße noch enger machen – für die Nachbarn keine Lösung. Diese setzen sich jetzt zusammen, um einen eigenen Vorschlag zu entwickeln.
In der Rothehausstraße hat der Erfolg in der Bezirksvertretung die Nachbarschaft gestärkt und Lust gemacht auf mehr. So wurde ein gemeinsames Lastenrad durch einen Klimabaustein der RheinEnergie finanziert. Das Rothehausrad soll Anwohner in der nahen Umgebung, die sich mit einer Jahresgebühr an der Instandhaltung beteiligen, per Zahlencodeschloß zugänglich sein.
Marcel Hövelmann, Mit-Initiator des Projekts, rechnet mit mindestens 40 Nutzern bis 2015. Das dreirädrige Lastenrad ist bereits angeschafft – jetzt wird noch eine Hülle geschneidert und das Logo sowie der Verleihprozess ausgetüftelt. Am 22. Juni soll das Rad auf dem Rothehausstraßenfest vorgestellt werden und dann in den Testbetrieb gehen, bevor es ab Herbst 2014 offiziell los geht.

Freiraum für das Gute Leben
Wie so oft kann Ehrenfeld beim Thema Mobilität Trendsetter werden – als Kölsches Kopenhagen. Weil hier Anwohner jeden Alters gerne an der Ecke mit ihren Nachbarn zusammensitzen, weil Kinder in den Straßen spielen wollen und weil sich die Menschen mit Fahrrad, Skateboard oder Lastenrad, mit Rollstuhl, Rollator oder Kinderwagen die Straßen Stück für Stück zurückerobern.

  • Text: Martin Herrndorf
  • Foto: Corinna Roll