Im Interview

Die Familienkutsche der Zukunft

Familie Franz im Interview

Immer mehr Menschen hinterfragen die Notwendigkeit eines eigenen Autos und machen sich auf die Suche nach Alternativen. So auch Ramona und Max Franz, die mit Lastenrad und Carsharing flexibel ihren Alltag meistern. Was sie an diesem Mobilitätsmodell so begeistert, haben sie uns im folgenden Interview verraten.

Hattet Ihr früher ein eigenes Auto?
Ramona Franz: Wir hatten sogar zwei Autos. Einige Jahre bin ich ins Ruhrgebiet gependelt. In dieser Zeit konnte ich nicht darauf verzichten. Als wir zusammen gezogen sind, war schnell klar, dass wir nur ein Auto benötigen. Ich hatte mittlerweile einen Job in Köln und somit ein Jobticket. Max ist mit dem Fahrrad ins Büro gefahren. Durch einen gemeinsamen Freund sind wir dann auf die Idee gekommen, das Thema Carsharing anzugehen.
Max Franz: Im Frühjahr 2011 haben wir beschlossen, wir brauchen das Auto nicht mehr, weil das Carsharing-Prinzip die perfekte Alternative für uns ist. Das Angebot in Köln ist mehr als ausreichend. Es war nicht aus einem ideologischen Grund heraus. Mobilität ohne Auto ist heutzutage eine Frage der Organisation. Wir haben es seitdem auch nie bereut, nicht wahr?

RF: Nein, das haben wir nicht. Wir haben auch gesagt, wenn wir nicht damit klar kommen, können wir wieder ein Auto kaufen. Doch diese Frage hat sich uns nie wieder gestellt.
MF: Letztes Jahr haben wir das Lastenrad angeschafft. Damit können wir uns in Köln bewegen. Die beiden Kinder lieben es, mit uns gemeinsam auf Tour zu gehen. Einer von uns fährt mit dem normalen Fahrrad nebenher.
RF: Gerade wenn man alleine mit den Kindern unterwegs ist, ist es eine Unterstützung. Dann kann man noch ein kleines Kinderfahrrad oder einen Buggy mitnehmen. Ein Grund für das Lastenrad war, dass ich mobiler und flexibler sein wollte, wenn wir ohne Auto mit den Kindern unterwegs sind. Außerdem gibt es, wenn wir ein Auto brauchen, in Ehrenfeld mehrere Stationen von cambio.

Für welche Fahrten nutzt Ihr das Carsharing?
RF: Wenn wir Freunde und Familie außerhalb von Köln besuchen. Die enge Familie wohnt nicht vor Ort, das sind dann Wochenendfahrten. Doch selbst Urlaubsfahrten lassen sich mit Carsharing gut organisieren. Man reserviert immer genau das Auto, das man gerade benötigt – vom Kleinwagen bis zum Transporter.

MF: Ich nutze es auch beruflich. In unserer unmittelbaren Nachbarschaft hier in Ehrenfeld haben wir vier Stationen. So lässt sich Carsharing einfach in den Alltag integrieren. Wir machen es schon etwas länger und es passt super. Die Zeit, die du vernichtest, indem du einen Parkplatz suchst, entfällt. Wir müssen uns um nichts kümmern, keine Inspektion machen. Das ist ein Konzept mit Zukunft, das privat wie beruflich gut funktioniert.
RF: Man hat auch so viele Möglichkeiten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, gerade in Ehrenfeld. Kinder lieben es, Bahn zu fahren.

Ich finde es schön, wenn Kinder mobil sind

In den siebziger und achtziger Jahren wurde alles mit dem Auto gemacht. Familien, die sich alternativ fortbewegt haben, waren eine Ausnahmeerscheinung, die kritisch beäugt wurde. Da hat sich viel verändert, oder?
MF: Ich finde es schön, dass es fast normal geworden ist, wenn man kein Auto hat. Viele Leute, die wir mit unserer Situation konfrontieren, sagen, eigentlich braucht man wirklich kein Auto. Die Akzeptanz ist eine ganz andere als früher.

Warum, glaubt Ihr, setzen die Leute, die Euch im Grunde Recht geben, das aber nicht um?
MF: Mit zwei Kindern weißt du, was du in der Woche alles organisieren musst und wie einfach das mit dem Auto zu bewerkstelligen ist. Die Hemmschwelle, diesen Komfort aufzugeben ist zunächst groß. Auch wir mussten erst einmal hineinwachsen. Meine Mutter haben wir auch überzeugt. Sie hat ebenfalls ihr Auto abgeschafft. Ich denke, das hat viel mit der jeweiligen Lebenssituation zu tun.
RF: Ja genau, die Lebenssituation. Bei mir war das so, dass ich in einem Dorf im Norden groß geworden bin. Meine Eltern hatten ein Auto, aber das hat mein Vater mit zur Arbeit genommen. Darum hat sich in der Woche für meine Mutter und mich tagsüber alles im Dorf abgespielt.

Außerdem bin ich viel Fahrrad gefahren, schon immer. Ich finde es schön, wenn Kinder mobil sind, mit dem Fahrrad oder wenn sie mal ein Stück laufen. Meine Eltern gehen mit dem Thema auch bewusst um. Aber sie benötigen ein Auto, weil es keine öffentlichen Verkehrsmittel gibt. Da fährt einmal am Tag ein Bus. Die fahren selber aber auch viel Fahrrad, nach wie vor.
MF: Das Auto ist ein notwendiges Übel und man muss sich immer wieder die Frage stellen, ist es noch notwendig oder nur noch ein Übel. Ich finde schon, dass man diese Gewohnheit in Frage stellen sollte. Man kann dabei eigentlich nur gewinnen, sofern es zum Leben passt.

Mit diesem Fahrzeug bist du willkommen

Mit dem Lastenrad wird es auf der Venloer Straße ganz schön eng. Wie geht Ihr mit der Verkehrssituation um?
RF: Vor der Venloer Straße habe ich Respekt. Es sind immer die gleichen wiederkehrenden Ziele, die ich mit den Kindern habe. Da findet man Wege, auf denen man sich wohl fühlt. Ich versuche, die Venloer Straße zu vermeiden. Aber ich fühle mich auch sicherer mit dem Lastenfahrrad als wenn ich ein Kind auf meinem eigenen Fahrrad auf dem Kindersitz oder hinten im Anhänger hätte. Wir tragen alle Helm, auch ich auf dem Lastenrad, als Vorbildfunktion für die Kinder, aber auch für meine eigene Sicherheit.

Der Radverkehr in Ehrenfeld und ganz Köln nimmt stetig zu. Es gibt viele Initiativen, die sich darum kümmern, die Straßen sicherer zu machen. Was wünscht Ihr Euch diesbezüglich?
MF: Hier im Veedel gibt es viele Einbahnstraßen, in die du entgegengesetzt mit dem Fahrrad reinfahren kannst. Das Problem dabei ist, dass die Autofahrer das oft nicht wissen. Sie müssten deutlicher gewarnt werden, dass ihnen Radfahrer entgegen kommen können. Teilweise gibt es diese Hinweise, häufig aber noch nicht. Vor allem wäre es wünschenswert, wenn die Venloer Straße entlastet werden würde. Ein Polizist sagte mir einmal bei einer Kontrolle, es sei die unfallträchtigste Straße Kölns.

RF: Geschwindigkeitsbegrenzung ist ein Thema. Ich habe die Tage noch die Polizei durch das Veedel gehen sehen. Ich fände es gut, wenn sie weiterhin Präsenz bei dem Thema zeigt. Sie sollte aber den Dialog suchen und nicht direkt Tickets verteilen. Ich wünsche mir, dass unsere Mitbürger für die Problematiken im eigenen Veedel sensibilisiert werden.

Gab es schon einmal eine besonders positive Situation, die Ihr mit dem Lastenrad erlebt habt?
RF: Die Erfahrung bestätigt mich darin, dass ich mich sehr wohl damit fühle. Wenn ich die Kinder vom Kindergarten abhole und wir direkt ins Nachmittagsprogramm starten können, bestärkt mich das in meiner Flexibilität.
MF: Außerhalb von Ehrenfeld ist das Lastenrad immer noch ein echter Hingucker. Die Leute freuen sich, wenn sie uns mit den zwei Kindern ankommen sehen. Mit diesem Fahrzeug bist du willkommen. Die großen Wochenendeinkäufe gehen damit auch. Es passen bis zu acht Getränkekisten hinein. Das sind die Momente, wo wir sagen, so geht es auch. Das Auto ist selbst für eine Familie mit zwei Kindern komplett ersetzbar. Wer neugierig ist, den laden wir gerne ein, sich mal drauf zu setzen. Das Fahren auf einem Lastenrad mit drei Rädern ist eher gewöhnungsbedürftig. In die Kurven kannst du dich nicht reinlegen, sondern musst um die Kurve ‚zirkeln‘. Das sollte man erst einmal üben.

RF: Genau, wer eine Probefahrt machen möchte, ist herzlich willkommen … vielleicht können wir ja den einen oder anderen so zum Nachdenken anregen.

Wir danken herzlich für diese schöne Offerte und wünschen Familie Franz und all unseren Leserinnen und Lesern weiterhin eine gute und sichere Fahrt durch Ehrenfelds Straßen!

  • Text: Monika Hogrefe
  • Fotos: Bozica Babic