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Abmarsch

Zu Fuß zur Schule gehen – das ist simpel, wirkungsvoll und zu Recht immer populärer

Der Bus kommt. Voll, wie jeden Morgen, und gelb-leuchtend in der Dämmerung. Als er hält, öffnen sich keine Türen – er hat nämlich keine. Genauso wenig wie es eine Karosserie, Reifen oder einen Motor gibt. Dieser Bus besteht aus Schülern in Zweierreihen, die sich wie ein Schwarm durch die Straßen bewegen, eskortiert von zwei Erwachsenen. Doch was sich nach einem Spiel anhört und auch nach viel Spaß aussieht, basiert auf jahrelanger Forschung und ist eine echte Alternative zu Schulbussen.

Die Szene könnte überall auf der Welt spielen: in Köln, Österreich oder England, in den USA oder auf Neuseeland. Denn sogenannte Walking Buses – also Laufbusse – gibt es in vielen Ländern. Aber wir befinden uns in Südafrika. Vor fünf Jahren startete hier das Pilotprojekt in der Provinz Westkap. Die Schüler laufen als Gruppe zur Schule, teilweise über mehrere Kilometer, ausstaffiert mit Warnwesten und begleitet von zwei Erwachsenen. Der „Fahrer“ führt den neongelben Tross an, der „Schaffner“ bildet das Ende und achtet darauf, dass alles gut läuft, niemand ausschert oder zurückbleibt. Wie bei richtigen Bussen gibt es Haltestellen, die „pick-up points“, an denen die Kinder einsteigen können, und einen Fahrplan mit festen Zeiten. Die Route ist jeden Tag dieselbe, denn sie ist die sicherste.

In Südafrika ist es für viele Kinder lebensgefährlich, zur Schule zu laufen. Denn Rücksicht auf andere Verkehrsteilnehmer wird hier eher selten genommen – ganz egal, ob motorisiert, zu Fuß oder auf dem Rad. Außerhalb der Städte wird es sogar noch brenzliger; der Zustand der Straßen ist schlecht, die Geschwindigkeitsbegrenzung liegt bei 100km/h, Beleuchtung und Bürgersteige sucht man vergebens. Und doch gab es für die Schüler lange keine Alternative zum Fußmarsch. In der Masse aber, als Teil des Walking Bus, sind sie sicher. Selbst ohne Warnwesten wäre dieser Bus auf Füßen eine ebenso unübersehbare wie eindrucksvolle Erscheinung. Die Gemeinschaft schützt nicht nur vor Unfällen, sondern auch vor Gewalt gegen die Kinder oder sogar Verschleppung. Im April 2013 starteten weitere Walking Buses im Distrikt Cape Wineland. Das ehrgeizige Ziel: Die Unfallrate soll um 50% gesenkt werden.

Die Idee zum Walking Bus kam dem Australier David Engwicht bereits vor über 20 Jahren. 1998 wurde sie erstmals in Großbritannien umgesetzt. Danach dauerte es ein wenig, bis auch andere Länder das Konzept für sich entdeckten. Inzwischen dürfte es allerdings Millionen „laufende Fahrgäste“ auf der ganzen Welt geben. Nicht nur optisch hat ein Laufbus wenig mit einem richtigen Bus gemein. Es gilt immerhin, das materielle Vorbild zu überflügeln. Regelmäßige Bewegung an der frischen Luft ist dabei nur der offensichtlichste Vorteil. Kinder, die zur Schule laufen, sind wacher und konzentrierter als ihre Mitschüler, das Gehirn wird besser durchblutet. Überhaupt ist „frische Luft“ ein wichtiges Stichwort, denn ein Laufbus stößt nichts als Atemluft aus und ist damit eine umweltverträgliche Alternative. Die Verkehrsregeln lernen die jungen Passagiere fast schon beiläufig.

Die Verkehrsregeln lernen die Kinder fast beiläufig

Wen wundert’s da, dass die Idee auch bei uns immer mehr Anklang findet? In Paderborn zogen die ersten Laufbusse 2005 los. Bei Sonnenschein, Regen, Schnee. „Die Gruppe ist bei schlechtem Wetter allerdings viel kleiner, ungefähr halb so groß“, weiß Betreuerin Claudia. Dem Projekt geschadet hat das nicht: Immer mehr Routen entstanden, immer mehr Schulen und Gemeinden beteiligten sich. Drei Jahre später laufen täglich mehr als tausend Kinder auf über 50 Bus-Linien zur Schule. Die Kinder schwärmen, dass sie Zeit mit ihren Freunden verbringen. Und Lehrer wie Margot Gau von der Josefschule bemerken einen deutlichen Unterschied: „Kinder, die mit dem Walking Bus kommen, sind aufgeweckt und fröhlich, und viel aufnahmefähiger.“
Keine Frage, in westlichen Ländern spielt die Sicherheit dabei eine ebenso große Rolle wie in Afrika. Doch Sicherheit ist bei uns kein Vorzug, sondern Voraussetzung des Konzepts; ein K.o.-Kriterium. In Europa überzeugt uns etwas ganz anderes. Denn „unsere Kinder werden dicker“: Die WHO warnt in ihrer aktuellen Studie vor zunehmender Fettleibigkeit und den Folgen. Sie sieht Bewegungsmangel als eines unserer größten gesundheitlichen Probleme und Bewegung als Grundstein gesunden Lebens. Die Kinder sitzen in der Schule, beim Essen, bei den Hausaufgaben, werden von den Eltern durch die Gegend gefahren. Hier können deutsche Walking Bus-Projekte anknüpfen. Ein Bildungs-Weg, der viel häufiger gegangen werden sollte.

  • Text: Maren Lupberger
  • Foto: CWDM